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Digitale Erleuchtung: Das bietet die Studie

Falk Ebert  17. Oktober 2016  Keine Kommentare  4 Minuten zu lesen  Gefahrgut

Verblendung – Verständnis – Erleuchtung – Postdigitalisierung. An großen Worten mangelt es der Trendstudie „Digitale Erleuchtung“ des Zukunftsinstituts nicht.

Irgendwie erinnerte mich das an die Kritik, die unser Mafo-Prof uns im Bachelor-Studium mitgegeben hat. Die eindringliche Warnung damals: „Zu unwissenschaftlich. Zu viel Geschwurbel.“

Doch warum nicht einfach selbst eine Meinung bilden? Dank eines Rezensionsexemplares des Verlags als PDF war mir das möglich.

Die erste Erkenntnis: Die Texte sind von komplett unterschiedlichen Autoren und sehr heterogen in ihrer Art. Deshalb habe ich mich entschieden, meine Kritik auf die einzelnen Beiträge zu beziehen. So bekommt ihr auch gleich eine Vorstellung davon, was für den Kaufpreis von 190 € plus Mehrwertsteuer dabei ist.

Titelbild vom PDF

Den Einstieg unter der Überschrift Digitale Verblendung: Von Verblendung zu Erkenntnis macht Herausgeber Christian Schuldt mit einem Überblick über zwei Denkmodelle und sechs „digitale Mindsets“. Diese sechs „kognitive Kompetenzen im Umgang mit digitalen Informationen und Umwelten“ fand ich gar nicht mal so uninteressant. Mal schauen, ob sie sich im Nachdenk-Alltag bewähren.

Verblendung

Den Text Kreative Digitalisierung: Eine neue Beziehungsqualität von Matthias Horx habe ich leider als wenig brauchbare Kritik an vom Autor wahrgenommenen „digitalen Irrwegen“ empfunden. Zu unpräzise die Kritik, zu schwammig die Beispiele und zu wenig greifbar die Ableitungen. Ein schlechter Start. Aber zum Glück ging es bergauf.

Künstliche Intelligenz: Revision eines Hypes von Christoph Kappes war der Text, durch den ich auf die Studie aufmerksam geworden bin. Und die „partielle Polemik“ liefert: Auf acht Seiten nimmt er fröhlich pathetische Äußerungen und übertriebene Zukunftsvisionen zum Thema auseinander. Ich bin in der Regel skeptisch, wenn es um vorschnelles Ziehen vermeintlicher Grenzen der KI geht. Doch hier konnte ich allen Argumenten folgen.

Technologische Schüchternheit: Beseelte Startups und Postdigitale Kultur von Alexa Clay zeigt, was passiert, wenn eine fiktive amische Persona und Startups aufeinander treffen: Eine interessante Perspektive.

Verständnis

Der Sinn der Digitalisierung von Christian Schuldt setzt sich mit einer komplexen systemtheorethischen Anwendung von Dirk Baecker auf die Digitalisierung auseinander. Luhmann weitergedacht. Leider liegt mir der Aufsatz, den es als Beilage zur Studie gibt, nicht vor. Das in der Studie enthaltene tl;dr macht aber Spaß!

Erleuchtung

Weiter im Programm geht es mit Intro: Write, Speak, Code von Carl Naughton. Und empirischer wird es auch. Gut unterfüttert legt der Autor dar, wie sich der Mensch und sein Gehirn an die Digitalisierung anpassen. Beim Lesen kam mir die Einleitung wie ein gutes Spitzer-Antigift vor.

Die folgenden 41 Seiten sind die oben bereits angerissenen digitalen Mindsets in einer ausführlichen Version. Die Namen der Typen der Denkmuster („Cyber-Humanismus“, „Muster-Seismographie“, etc.) sind – typisch Trendstudie – gewöhnungsbedürftig. Die dahinter liegen Gedanken waren es für mich größtenteils nicht. Nein, wissenschaftlich fundiert oder empirisch hergeleitet ist die Typologie nicht. Und dennoch glaube ich, dass sie Praktikern und Theoretikern der Digitalisierung gute Denkanstöße geben kann.

Erkenntnis

Mind the Future von Harry Gattener zeichnet ein klares Bild der Digitalisierung und gibt uns konkrete Schritte an die Hand, mit denen ein digitales Mindset erreicht werden kann. Hat mich nicht von den Socken gehauen, aber kann man machen.

Der letzte Artikel, Postdigitalisierung von Christian Schuldt, gibt Ausblicke auf aktuelle Buzzwords wie Augmented Reality oder die Blockchain. Möglicherweise tappt der Autor dabei in die eine oder andere Falle, die Christoph Kappes in seinem Text aufgezeigt hat. Und natürlich sind die Aussagen nur so fundiert, wie es solche Thesen zur Zukunft sein können. Dennoch bietet der Text einen ganz guten Überblick über aktuelle Themenfelder – möglicherweise weiterverwertbar.

Fazit

Die Autoren mögen es mir nachsehen, dass ich im Format eines Blogartikels nicht tief einsteigen konnte und den Texten möglicherweise nicht voll gerecht geworden bin. Ich bin offen, meine Kritik bei wahlweise Kaffee oder Bier zu diskutieren, sollte Bedarf bestehen.

Für den geneigten Leser ist jetzt noch die Frage offen, ob sich die Investition in eine solche Studie lohnt. Privat kauft vermutlich ohnehin niemand eine Studie für 200 €. Wer sich für das Themenfeld privat interessiert, bekommt beispielsweise mit Kultur der Digitalität mehr Erleuchtung pro Euro.
Wer allerdings beruflich oder akademisch etwas Budget für Studien übrig hat, muss sich genau überlegen, ob sich die Anschaffung lohnt. Für Soziologen könnte der systemtheoretische Ansatz spannend sein, den ich leider nur als tl;dr lesen konnte. Den Mehrwert der digitalen Mindsets sehe ich vor allem für Firmen und Freelancer, die sich mit digitaler Transformation auseinander setzen. Insbesondere dann, wenn es eben nicht um die Technologie geht oder gehen soll. Sondern um den Aufbau entsprechender Mindsets, z.B. im individuellen Coaching für Führungskräfte.

Klingt interessant? Hier der Link. Und Grüße an meinen Mafo-Prof. Ich hoffe, ich habe ihn nicht enttäuscht.

Falk Ebert

Falk Ebert hilft Firmen, die Vorteile der Digitalisierung für ihr business zu nutzen. Neben dem Technologie-Optimismus ist er getrieben von seiner Liebe für die Wissenschaft, das Reisen in neue Länder und das Lernen von neuen Sprachen.