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Schach oder Go?

Falk Ebert  7. März 2016  Keine Kommentare  3 Minuten zu lesen  Gefahrgut

Im letzten Jahrzehnt hatte sich das Blatt gewendet. Der Mensch hat endgültig gegen den Computer verloren. Zumindest im Schach. Besonders schmunzeln musste ich bei den Partien immer über besonders gravierende Fehler der Großmeister – irren ist menschlich.

Beim Asiatischen Go sieht es anders aus. Obwohl die Menschen schon seit 30 Jahren Software dafür schreiben, kann ein sehr guter Go-Spieler leicht einen Sieg über die Algorithmen erringen. Doch das könnte sich schnell ändern – denn jetzt hat sich Google dem Thema verschrieben und bereits einen wichtigen Sieg errungen.

Die Offensive von Google (und die Tatsache, dass mich mein Cousin in das Spiel eingeführt hat), haben mein Interesse geweckt. Vor allem daran, wo die Unterschiede zwischen Schach und Go liegen.

Denn auch, wenn beide Spiele (einfach gesagt) Brettspiele für Nerds sind, könnten sie kaum unterschiedlicher sein. Beim Schach ist das Auswendiglernen unglaublich wichtig. Die ersten fünfzehn Züge laufen nach sehr eng definierten Mustern ab, die Namen wie Sizilianische Verteidigung, Caro-Kann oder Damengambit tragen. Schon ein Anfänger wird diese Eröffnungen auswendig lernen und sie studieren.

Noch spannender ist jedoch, wie schon die ersten Züge ein strategisches Motiv im Sinn haben, dass der Spieler bis zum Endspiel durchziehen möchte. Verteidigt Schwarz sich zum Beispiel Sizilianisch, wird er das gesamte Spiel über versuchen, den Druck am Damenflügel zu erhöhen. Das Mittelspiel besteht größtenteils aus Taktik und das Endspiel ist in der Regel schnell analysiert und zu Ende gespielt. Wenn nur noch eine Hand voll Figuren auf dem Feld stehen, kann man gut prognostizieren, wie ein perfekt gespieltes Spiel zu Ende gehen wird.

Auch, wenn ich bislang kaum über die Grundlagen von Go hinaus gekommen bin, habe ich das Gefühl, dieses Spiel funktioniert ganz anders. Hier müssen beide Spieler das gesamte Spiel über ein hohes Maß an Flexibilität wahren. Es gibt keine Eröffnungen, eher Eröffnungs-Stile wie Fuseki und Joseki.

Noch spannender finde ich den Vergleich der Komplexität. Schon Schach ist wahnsinnig komplex. Die Zahl der legalen Stellungen schätzt man auf 2×10^43. Also eine Zwei mit 43 Nullen. Beim Go geht man auf einem 19 Felder breiten Brett von Größenordnungen um die 2×10^170 aus. Das ist mehr, als es Atome im Universum gibt. Viel mehr.

Während im Schachspiel die Komplexität mit jeder geschlagenen Figur abnimmt, nimmt beim Go die Komplexität zu. Bei Schach hat man seine Figuren, die alle vordefinierte Rollen einnehmen. Die einzige Ausnahme ist die vertikale Mobilität der Bauern bei der Umwandlung. Beim Go sind alle Steine gleich in ihrer Funktionsweise und können doch ganz unterschiedlicher Funktion sein. Würde man die LEGO/Playmobil-Dichotomie heranziehen, wäre Schach eher Playmobil.

Unbestritten ist es, dass Aktivitäten wie Schach, Klavier und Fußball unser Gehirn enorm prägen, wenn wir sie schon im Kindesalter machen. Die spannende Frage, die ich mir jetzt stelle, ist folgende:

Sollte es an Schulen weniger Schach-AGs und mehr Go-AGs geben? Ist vielleicht das Go-Denken das wichtigere, wenn wir unsere Jugend auf eine durchdigitalisierte Welt vorbereiten?

Flexibilität, Mustererkennung, Komplexität, Baukasten-Prinzip, … für mich klingt das alles sehr nach Digitalisierung.

Falk Ebert

Falk Ebert hilft Firmen, die Vorteile der Digitalisierung für ihr business zu nutzen. Neben dem Technologie-Optimismus ist er getrieben von seiner Liebe für die Wissenschaft, das Reisen in neue Länder und das Lernen von neuen Sprachen.