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Ein gesundes Maß an Paranoia

Christian Faller  8. Oktober 2014  Keine Kommentare  3 Minuten zu lesen  Internet und Social Web, Technologie

Gibt es das überhaupt? Ist Paranoia schwarz oder weiß? Entweder man hat sie oder man hat sie nicht?

Ich glaube nicht. Ein gesundes Maß liegt für mich irgendwo zwischen „Ich melde mich bei WhatsApp ab und benutze Threema, weil meine Unterhaltungen mit Freunden sonst nicht sicher sind.“ und „Facebook Privacy Settings? Was ist das?“.

Soll heißen, ich bilde mir nicht ein, dass es sonderlich schlimm wäre, wenn irgendjemand meine privaten Unterhaltungen theoretisch mitlesen könnte. Kann er gerne. Aber als würde das ein Mensch auswerten…

Bei den Mengen Daten, die da sekündlich gesammelt werden, wird aller Wahrscheinlichkeit nach niemals irgendjemand ein menschliches Auge auf meine privaten Daten werfen. Und falls doch, dann stört es mich nicht sehr. Aber das wird ohnehin alles von komplexen Algorythmen aufgeschnappt, verwertet und dann in einem großen Einheitsbrei an relevanten Daten ausgegeben, die mich nicht als Individuum, sondern als Teil einer statitischen Grundgesamtheit behandeln.

Meiner Meinung nach muss man hier auch immer abwägen. Ja, ich fände es besser, wenn alles geheim und privat wäre. Aber heißt das, dass ich darauf partout bestehen muss? Google sammelt meine Daten, richtig. Und dafür bieten sie mir kostenlos:

  • die beste Navigationssoftware auf dem Markt (Google Maps)
  • den besten E-Mail Client auf dem Markt (Gmail)
  • die beste Kalendersoftware auf dem Markt (Google Calendar)
  • die besten cloudbasierten Kollaborationstools auf dem Markt (Google Docs)
  • Jede Menge Speicherplatz (Google Drive)
  • die beste Suchmaschine auf dem Markt (Google)
  • den besten Browser auf dem Markt – zugegebenermaßen neben Firefox (Chrome)
  • eines der zwei besten OS für Smartphones (Android)
  • eines der vielleicht bald besten OS für Computer (Chrome OS)
  • und jede Menge technische Innovation

Und dafür biete ich ihnen das Recht, meine Daten zu sammeln. Klingt für mich nach einem fairen Deal, mit allen Konsequenzen, die daran hängen.

Dabei bilde mir ja nicht ein, dass Daten nicht wertvoll wären. Vor allem in der Menge (Big Data). Aber ich finde es geradezu lächerlich, wenn Leute die ganzen oben genannten Dienste seit Jahren konsumieren und sich dann empören, wie dreist Google Daten über sie sammelt.

Think again, motherf*****. Nothing in life comes free.

Ich betrachte diese meist sehr emotionale Debatte mit einer recht sachlichen Distanz. Im Endeffekt ist die Frage simpel:

Würde ich lieber volle Privatsphäre genießen und dafür wesentlich schlechtere Suchergebnisse zuzüglich monatlicher Kosten für oben genannte Software im mittleren dreistelligen Bereich in Kauf nehmen?*

Nope.

Und ich glaube, dass die meisten Personen, die hier anders antworten, nicht richtig nachdenken. Oder die Wichtigkeit und den monetären Wert der Teilhabe anderer an ihrem Privatleben immens überbewerten.

*Diese Frage muss man sich natürlich immer wieder neu stellen. Der Facebook Messenger bringt für mich beispielsweise das Fass zum überlaufen. Hier gibt man Facebook den kleinen Finger und sie nehmen den ganzen Arm. Deswegen habe ich weder den Messenger, noch die Facebook App (die ohne den Messenger witzlos geworden ist) noch auf meinem Smartphone installiert.

Christian Faller

Christian Faller ist Geschäftsführer bei deepr, einer Stuttgarter Werbeagentur und leitet den Digitalbereich bei Yaez. Wenn er nicht an digitalen Marketingstrategien feilt, verfolgt er sein Lebensziel, jedes Land der Welt zu bereisen. Er hat in Singapur, Frankreich, Amerika und Südafrika gelebt und gearbeitet.