Navigation

Über Vorurteile der Medienlandschaft und pöbelnde Rentner

Christian Faller  21. Mai 2014  8 Kommentare  3 Minuten zu lesen  Mobile, Technologie

Nicht Waffen töten Menschen – Menschen töten Menschen.

Dachte ich mir, als mich ein Rentner in der U-Bahn vor einigen Tagen mit zornigem Blick und in schroffem Ton tadelte. Wir Jugendlichen schauten doch nur noch in unsere Smartphones und hätten gar kein Verhältnis mehr zur echten Welt. Diese Reaktion hatte mir mein,  während der gesamten fünfminütigen Fahrt, starr auf das Nexus gerichteter Blick geerntet.

Kopfschüttelnd stand der Rentner dann auch auf, klemmte sich seine Stuttgarter Zeitung unter den Arm, und schlürfte aus der Tür, bevor ich überhaupt antworten konnte.

Dass er selbst in den vergangenen fünf Minuten zum größten Teil seine Zeitung gelesen hatte, wird ihm unterbewusst wohl entgangen sein. Dass ich meinerseits (jaja, ich bin so gebildet) eine Kindle-Kopie von Jules Vernes „In 80 Tagen um die Welt“ gelesen hatte, hatte er aufgrund abnehmender Sehkraft oder mangelndem Interesse sicherlich auch nicht gesehen.

Und so muss ich feststellen, dass wir jungen Leute doch häufig zu Unrecht verurteilt werden. Denn nur weil ich auf mein Smartphone sehe, spiele ich ja nicht automatisch Angry Birds.

Tatsächlich würde es aber niemandem einfallen, eine Person im Vorbeigehen anzupöbeln, weil diese ein (Papier)Buch liest. Schließlich handelt es sich hier ja um ein gesellschaftlich hochangesehenes Verhalten, ja sogar um Bildung.

Wenn ich einen Mann Zeitung lesen sehe, aber nicht den genauen Inhalt, dann gehe ich ja auch nicht automatisch davon aus, dass er gerade im Innenteil der BILD auf die Brüste des halbnackten BILD-Girls starrt. Diese Annahme haben aber in umgekehrter Richtung die meisten älteren Leute, wenn sie junge Menschen mit Smartphones sehen.

Und falls sich jemand inzwischen fragt, was das alles mit meinem Zitat vom Anfang zu tun hat: Ich bin der Meinung, dass nicht das Medium an sich zu verurteilen ist, sondern der Nutzer. Und was er damit tut. Gib einer Person einen App-Store und sie lädt sich das herunter, was sie sich in einem großen Kaufhaus auch heraussuchen würde.

Eine Person, die morgens in der Bahn Angry Birds spielt, wird sich bei freier Wahl in einem Kiosk vermutlich eher die BILD, als  das Harvard Business Review kaufen. Umgekehrt wird die zweite Person möglicherweise auf dem Smartphone eher einen TED-Talk über die App ansehen, als Bubble Blast 2 zu spielen.

Unreflektiert über das Mediennutzungsverhalten von Personen zu urteilen ist aber offenbar ganz groß in Mode. Toll!

Christian Faller

Christian Faller ist Geschäftsführer bei deepr, einer Stuttgarter Werbeagentur und leitet den Digitalbereich bei Yaez. Wenn er nicht an digitalen Marketingstrategien feilt, verfolgt er sein Lebensziel, jedes Land der Welt zu bereisen. Er hat in Singapur, Frankreich, Amerika und Südafrika gelebt und gearbeitet.