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Interview: Meine Cousine ist die fortschrittlichste Lehrerin in Deutschland

Falk Ebert  23. September 2013  11 Kommentare  6 Minuten zu lesen  Internet und Social Web

Christa

In meiner Schulzeit habe ich versucht, für unsere Klasse ein Online-Forum zu etablieren. Mit mäßigem Erfolg. Die Schüler heute sind always on.

Klar, dass sich deshalb auch die Lehrer ändern müssen. Schön, dass es manche tun. Christa ist meine Cousine, Lehrerin in Baden-Württemberg und heute glücklicherweise meine Interview-Partnerin auf dem Gefahrgut-Blog.

Das Interview

Falk: Hallo Christa, als Lehrerin hast du immer dein iPhone mit Teacher-Tools dabei und hast auch schon Facebook, Pinterest und andere Social-Kanäle im Unterricht eingesetzt. Wirst du im Lehrerzimmer komisch angeschaut?

Christa: Am Anfang schon – aber so langsam bin ich dafür bekannt, dass mein Unterricht anders ist. Und immer wieder gelingt es mir auch Kollegen anzustecken. Die Zahl der iPhone-Nutzer ist gestiegen, und mittlerweile sind es doch fünf iPads und ein Tablet….

Schön! Was sind ein paar von dir getestete, erfolgreiche Beispiele dafür, wie man digitale Tools im Klassenzimmer sinnvoll unterbringen kann?

Die Liste ist lang… Ich unterrichte ja Englisch und Deutsch. Und klar, der Einsatz von sozialen Netzwerken ist definitiv motivationsfördernd, aber das ist für mich nicht der Grund warum ich mich im Web 2.0 bewege:

Web 2.0 ist not a thing – it’s a state of mind.

Mir geht es um den Mehrwert, und vor allem: soziale Netzwerke ermöglichen es mir, authentische Lernumgebungen für meine Schüler zu schaffen, ein paar Beispiele.

  • Ich habe zusammen der Kursstufe und mit meiner Referendarin den amerikanischen Wahlkampf auf Facebook simuliert. Wir haben uns dazu die Original-Kampagnen angeschaut, und, davon ausgehend, eigene Kandidaten mit fiktiven Biographien entworfen.
  • Mit jüngeren Schülern (Klasse 6) habe ich schon öfters mit einer Klasse in Dänemark geskypt und gespielt. Uclas und edmondo sind zwei schöne Projekte für jüngere Kids.
  • Die Mittelstufe nutzt Pinterest zum Sammeln von Informationen von amerikanischen Städten, und planen ihren fiktiven Stadtrundgang.

Ich möchte, dass meine Schüler etwas lernen, das sie interessiert und nicht einfach nur das, was der Lehrplan vorgibt. Aber auch außerhalb des Sprachenunterrichts, nutze ich digitale Tools. So läuft die Dokumentation von Projektarbeiten viel über tumblr…

Das klingt wirklich spannend. Jetzt hat allerdings das Kultusministerium in Baden-Württemberg im Juli den Lehrern den beruflichen Umgang mit sozialen Netzwerken verboten. Wie bewertest du diese Entscheidung und was bedeutet sie für deine tägliche Arbeit?

Das zeigt nur mal wieder, dass sich die „digital immigrants“ mit dem Konzept „Internet“ nichts anfangen können…

Mein Unterricht leidet darunter. Ich darf nicht mehr kurz in der großen Pause auf Facebook posten, dass die Schüler bitte direkt in ein anderes Zimmer kommen, sondern ich muss an dem Tag ein Zettel aufhängen. E-Mails lesen die Kids nicht, funktioniert nicht. Facebook ist ihre Welt. Ich darf auch nicht mehr mit Kollegen über Facebook kommunizieren… es ist einfach lächerlich. Es wäre viel sinnvoller, eine Verhaltensempfehlung auszusprechen. Es sollte jedem fb-Nutzer klar sein, dass Informationen gelesen werden könnten und ich würde nie sensible Daten wie Noten oder Telefonlisten so multiplizieren.

Wie geht man denn generell mit Kids um, die mit WhatsApp, Call of Duty und Tumblr aufwachsen? Wie muss sich der Unterricht im Vergleich zu unserer Schulzeit ändern, oder hat sich schon geändert?

Auf meinem Nachtisch liegt gerade ein Buch des Ulmer Neurowissenschaftlers Manfred Spitzer: Digitale Demenz. Wenn ich das gelesen habe, dann kann ich dir vielleicht eine fundierte Antwort geben.

Bis jetzt versuche ich sie eben für den Umgang zu sensibilisieren und sie vor cyber bullying zu schützen. Ich finde es schockierend, wenn mir meine 11-jährigen Kids um Mitternacht noch über WhatsApp schreiben. Die sollte da schon lange schlafen. Am Elternabend werde ich die Eltern in die Pflicht nehmen, denn Sie haben keine Ahnung was ihre Kids so treiben.
Ich zeige meinen Klassen eigentlich zu allererst, wie man einen Screenshot macht und sie haben alle meine Handy-Nummer. Und wenn sie sich angegriffen fühlen, dann machen sie erst einen Screenshot und dann schreiben sie mir oft. Außerdem gehe ich mit ihnen die Einstellungen in Facebook durch und eigentlich wissen sie, was man alles nicht machen sollte, tun es aber trotzdem gerne.

Und natürlich verändert sich Unterricht. Wissen verändert sich, es sind andere Fähigkeiten notwendig. Man muss nicht mehr alles wissen, aber man muss Google bedienen können und Suchergebnisse bewerten können.

Ich hoffe, dass in den kommenden Jahren das eigenverantwortliche Lernen eine größere Rolle spielen wird und damit auch das klassische Klassenzimmer aufgebrochen wird. Und obwohl ich technik-affin bin, ist es mir sehr wichtig, die Kids auch für die Welt da draußen zu begeistern. Erlebnispädagogik ist für mich ein immer wichtigeres Instrument die Bewegungsarmut und Computersucht zu verhindern.

Den Spitzer habe ich gelesen und finde ihn leider enttäuschend flach und demagogisch. Eine seiner Thesen lautet verkürzt: Computer haben in der Schule nichts zu suchen.
Was hältst du von „one laptop/tablet per student“? Und was hältst du von Programmiersprachen als zweite oder dritte Fremdsprache?

Fände ich großartig – aber nur, wenn dann endlich „outside of the box“ gedacht wird. Baden Württemberg ist noch nicht so weit. Laptopklassen würden im Moment zu nichts führen, da der herkömmliche Unterricht einfach 1:1 mit einem Laptop fortgesetzt werden würde. Da fehlt mir der Mehrwert. Ist dann zwar eine schöne Spielerei, aber nicht mehr.

Computersprache als 2 oder 3. Fremdsprache finde ich superspannend – ich erinnere mich an einen brillianten TEDTalk. Aber ja, ich finde, man sollte Code lesen können. Ich kann nur kleine HTML-Seiten schreiben, aber es reicht mir in meinem Alltag.

Als letzte Frage: Für Lehrer, Eltern oder Schüler, die durch das Interview vielleicht auf das Thema „Digital im Klassenzimmer“ neugierig geworden sind – was sind gute Informationsquellen für den Anfang?

Ins Ausland schauen! Dänemark arbeitet schon seit ein paar Jahren mit iPad-Klassen und die Regierung hat’s drauf. Ich hole mir viele meiner Ideen auf Pinterest.

Gelegentlich blogge ich auch, aber mir fehlt gerade die Zeit, wirklich regelmäßig zu bloggen. Das könnte meine nächste 30-Day-Challenge werden.

Christa, vielen Dank für das Interview!

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Falk Ebert

Falk Ebert

Falk Ebert hilft Firmen, die Vorteile der Digitalisierung für ihr business zu nutzen. Neben dem Technologie-Optimismus ist er getrieben von seiner Liebe für die Wissenschaft, das Reisen in neue Länder und das Lernen von neuen Sprachen.