Navigation

Eine gute Website sieht nicht gut aus

Christian Faller  21. März 2013  2 Kommentare  4 Minuten zu lesen  Marketing, Werbung mit und im Internet

HSA1

Etwas überspitzt ausgedrückt ist dieses Statement eines meiner größten Erkenntnisse der Arbeit aus den letzten zwei Jahren. Denn, natürlich muss eine Website gut aussehen, aber gut auszusehen ist ein nettes Feature der Seite und nicht ihre Aufgabe. Viel zu oft wird das verwechselt. Und dabei sträuben sich mir alle Haare. Die meisten Websites haben ein Ziel, ihre Daseinsberechtigung sozusagen. Und das Design der Seite hat sich primär nach diesem Ziel zu richten. Beliebte Ziele sind zum Beispiel:

  • Produkte verkaufen
  • Werbebanner ausspielen
  • Adressdaten oder E-Mail-Adressen sammeln
  • Feedback von Kunden bekommen
  • Besucher zur Anfrage einer Dienstleitung verleiten

Beim Bau einer Website wäre es nun ein logischer Schritt, sich genau zu überlegen, was das Ziel ist und wie es idealerweise erreicht wird. Paradoxerweise ist genau diese Frage eine der seltensten, die man beim Konzept einer Website liest. Da werden etwa Fragen diskutiert wie: Welche Farbe hat der Knopf im Kontaktformular? Ist Impressum ein Unterpunkt von Kontakt oder steht es einzeln? Slided der Bilder-Slider auf der Startseite nach links oder gibt es eine Weichblende? Und wie schnell wechseln die Bilder?

Nunja, das sind ja alles relevante Fragen. Aber zuerst sollte eine ganz andere Frage stehen: Was soll mein Kunde auf der Seite tun?

Ein Beispiel

Ein Anwalt macht ein Redesign seiner Website. Sein unausgesprochenes Ziel ist natürlich, dass potentielle Kunden, die einen Anwalt brauchen, ihn im Internet finden, sich das Telefon nehmen und ihn dann direkt anrufen. Oder zumindest eine E-Mail senden.

9 von 10 Anwälte würden die Seite so gestalten, dass auf der Startseite steht: blablabla, Anwalt seit 10 Jahren, blablabla, Kundenwünsche sind uns sehr wichtig. blablabla, sehen Sie sich gerne auf unserer Website um.

1 Anwalt würde die Seite aber anders gestalten. Er überlegt sich was im Kunden vorgeht. Der Kunde kommt auf die Seite und hat oft ein akutes Problem – sonst bräuchte er ja keinen Anwalt. Er muss in folgender Reihenfolge wissen:

1. Kann der Anwalt sich fachlich um mein Problem kümmern?
2. Ist der Anwalt kompetent?
3. Wie kann ich den Anwalt erreichen?

Also baut er seine Seite so auf:

Hauptstadtanwaelte

Die Seite ist darauf optimiert, das zu leisten was sie soll. Wenn ein Kunde sich gerne umsieht, kann er das in aller Ruhe tun. Den Idealkunden allerdings – der schnell entschlossen ist und umgehend Hilfe braucht – holt sie direkt dort ab wo er landet: Auf der Startseite.

Das Einzugsgebiet und die Fachgebiete werden sofort genannt. Durch bekannte Marken und Logos wird Glaubwürdigkeit und Vertrauen erzeugt. Ein großer Kontaktknopf macht den Rest.

Nicht nur die Startseite zählt

Dieses Prinzip führt sich bei anderen Elementen geradezu fort: Soll unsere Schrift schön lesbar oder lieber stylisch sein? Fragen wir im Kontaktformular 30 Sachen ab und riskieren den Kunden zu verlieren oder minimieren wir radikal, um einen Fuß in die Tür zu kriegen und die Chance des Erstkontakts zu erhöhen? Und bestehen wir darauf, jeden Kunden mit einer Wand von Text zu verhauen, nur weil wir so selbstverliebt sind, dass wir 20 Jahre Unternehmensgeschichte unbedingt irgendwo unterbringen müssen, ohne den Rotstift anzusetzen?

Beim Webdesign wie nirgendwo sonst gilt: Form follows function. Alles andere ist schlichtweg nicht zielführend. Stimmt die Funktion der Seite, kann die Seite immer noch schön designed werden. Nicht anders herum.

Noch ein Gedanke zum Schluss: Ja, für manche Websites ist meiner Meinung nach Design der wichtigste Faktor überhaupt. Zum Beispiel bei einem Künstler. Dessen Glaubwürdigkeit wird nämlich direkt an der Seite festgemacht und zwar auf einem anderen Level als bei anderen Branchen.

Noch ein zweiter Gedanke: Ich weiß, dass sich viele jetzt die Seite meiner Agentur ansehen werden und sagen werden: „Da ist ja gar kein Button zum Verkauf von Dienstleistungen“. Das stimmt und das liegt daran, dass unsere Website kein Hardsale-Instrument ist. Nahezu 100% unserer Kunden sind durch Weiterempfehlung an uns weitergeleitet worden. 0% unserer Kunden waren Kaltakquise. Unsere Seite dient also dazu, potentiellen Neukunden, denen wir empfohlen wurden, ein professionelles Bild einer Agentur mit ordentlichen Refrenzprojekten zu präsentieren. Im Klartext: Unsere Website soll die Weiterempfehlung, die andere ausgesprochen haben, ganz einfach unterstreichen und den Sale somit nur noch eintüten. Und das leistet sie.

Noch ein dritter Gedanke: Die Beispielseite oben stammt von uns. Wir mögen hier also etwas voreingenommen sein. Aber die hier beschriebenen Fragen waren beim Design unser roter Faden. Das Endprodukt gefällt uns gut, wir wollen also nicht sagen, dass die Seite hässlich ist, nur weil sie funktioniert. Funktion war aber unsere erste Priorität.


Christian Faller

Christian Faller

Christian Faller ist Geschäftsführer bei deepr, einer Stuttgarter Werbeagentur und leitet den Digitalbereich bei Yaez. Wenn er nicht an digitalen Marketingstrategien feilt, verfolgt er sein Lebensziel, jedes Land der Welt zu bereisen. Er hat in Singapur, Frankreich, Amerika und Südafrika gelebt und gearbeitet.