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Die Agentur der Zukunft [INTERVIEW]

Christian Faller  1. August 2012  1 Kommentar  9 Minuten zu lesen  Interviews

Es ist Montag Morgen und ich schreibe diesen Artikel auf meinem Balkon in Chicago. Am Wochenende war ich für einen Abstecher in Detroit, um dort ein wenig die Stadt zu erkunden. Mein Leben wie ich es mir immer gewünscht habe, doch der Weg war nicht ganz einfach. Der Schritt in meine Selbstständigkeit war mit langem Hin- und Her mit dem Finanzamt und meinem Steuerberater verbunden. Mit Wochen in denen ich weniger als 10€ verdient habe. Und mit der ständigen Frage, ob es vielleicht nicht doch besser gewesen wäre, einfach einen Job in einer Agentur anzunehmen…

Und NEIN, das wäre es nicht. Zumindest nicht für mich. Und aus Gesprächen mit sehr vielen anderen Leuten aus der Branche weiß ich, dass es nicht nur mir so geht. Ich höre so häufig wie sich meine Freunde über die Ineffizienz in ihrem Unternehmen oder ihrer Agentur ärgern. Über die Hierarchien und die oftmals stupiden Überstunden. In vielen Agenturen ist das nicht so – keine Frage (Falk hat es bei den Friends zum Beispiel ganz gut getroffen!) – aber immer mehr Leute sehnen sich nach Flexibilität, die durch die Komplexität der Selbstständigkeit aber ungreifbar scheint.

Als ich zum ersten Mal von ffluid, einem Projekt von Jörn Hendrik Ast, gehört habe, war ich deshalb sofort begeistert. Jörn hat genau diese Probleme erkannt und eine Lösung dafür entwickelt. So müssen sich talentierte Kreative weniger um Buchhaltung als um Photoshop kümmern.  Webdeveloper können endlich wieder ergebnisorientiert statt feierabendorientiert arbeiten. Und Teams können sich flexibel an Projektanforderungen anpassen, um qualtitive Arbeit abzuliefern. Eben ein fluides Netzwerk.

Deshalb habe ich über das neue Konzept von ffluid ausführlich mit Jörn gesprochen.

Viel Spaß!

1. Jörn, danke, dass Du dir die Zeit für uns nimmst! Gib uns doch kurz den ffluid Elevator Pitch!

Ich danke dir für die Möglichkeit oder wie man bei euch drüben sagt: „thanks for having me!“ :)

Gerne pitche ich ein wenig: ffluid optimiert Kommunikationswege, weckt Innovationspotential und unterstützt dabei die richtigen Experten zu finden. ffluid ist ein modernes Beratungsunternehmen, das unter anderem Kreativ Workshops im Bereich Design Thinking und der Open Space Methode anbietet oder Unternehmen dabei unterstützt eine erfolgreiche Social Media Kommunikation zu starten und auszubauen und das nicht nur mit Kunden sondern potenziellen Mitarbeitern. Hier spielen Themen wie Social Media Recruiting, Video Brandchannels und Facebook Marketing eine wichtige Rolle. Die DNA von ffluid ist dabei die Art wie wir Projekte ausführen, ausschließlich mit freien Umsetzungspartnern, die sich in sogenannten fluidnetworks organisieren, die ffluid durch Projekt Management, Finance und Legal unterstützt und steuert.

2. Wie genau wird die Eintrittsbarriere in den Markt für Freelancer durch dieses Konzept gesenkt? Was macht es sexy?

Also für Freelancer ist das Konzept der fluidnetworks natürlich eine äußerst feine Sache. Nicht nur dass ffluid die Kundenakquise übernimmt und die Projekte trackt, es wird sogar die Zahlung und Rechtssicherheit gewährleistet. Das Problem für den einzelnen Freelancer ist ganz einfach, dass er nicht mehr Projekte jonglieren als er multitasken kann. Das ist sicherlich von Person zu Person unterschiedlich. Was mir aber auffällt, ist dass Freelancer oftmals in hohe Abhängigkeiten geraten, weil sie zu viel für einzelne Kunden arbeiten. Das klingt paradox, aber wenn der Stammkunde – der 80% des monatlichen Abrechnungsvolumens ausmacht – hustet, hat der Freelancer eine Lungenentzündung. In dem man sich zu fluiden Netzwerken zusammenschließt kann man nicht nur eine höhere Auslastung erreichen, sondern als Kompetenzteam auch an viel größere Projekte rankommen, die vorher nur Beratungsunternehmen und Agenturen vorbehalten waren. Indem man als Teil eines fluiden Netzwerks große Referenzen bekommt und sich einen Namen macht, kann man quasi die besten Seiten der Einzelunternehmerschaft mit denen von großen Beratungshäusern verbinden.

3. Ich werde mir ein Poster mit diesem Zitat von dir drucken lassen: “Working for agencies is like being addicted to kokain – fast ease, rising dependancy.” Kannst du erläutern warum du das so siehst?

Ja das habe ich mal wieder bold gesprochen. Es ist nichs dagegen einzuwenden für Agenturen zu arbeiten, es sollte nur nicht ausschließlich sein. Agenturen bieten den Vorteil von schnellen Engagements und somit schnellem Geld, allerdings hat man in den seltensten Fällen etwas davon was darüber hinaus geht. Als Freelancer im Artbuying von Agenturen, ist man genauso Dienstleister wie die Agentur selbst. Und die Agentur ist an möglichst guten Referenzen interessiert, um sich somit einen Namen in der Branche zu machen. Der Freelancer ist nur eine gebuchte Unterstützung und hilft wenn es brennt, jemand ausfällt oder sich zu viele Mitarbeiter selbständig gemacht haben. Somit gehören Preise, Anerkennung und Etats immer den Agenturinhabern, auch wenn es oft die hochqualifizierten Freien sind, die den Job aufgrund ihrer Erfahrung retten. Es fehlen halt die Referenzen, man kann nur sagen kann man hat „für“ ein Unternehmen etwas „über“ eine Agentur gemacht, dass ist ein wirklicher Unterschied. Wenn man diesem einseitigen Verhältnis entkommen will, sollte man eigene Kunden aufbauen. Und zwar möglichst mehrere Accounts die man regelmäßig unterstützt, um nicht gleich wieder in die nächste Abhängigkeitsfalle zu tappen, die ich in der vorigen Frage angesprochen habe.

Bei einem gesunden Portfolio aus mittelständischen Kunden, baut man sich einerseits gute Referenzen auf und schafft sich bei guter Arbeit langfristige Sicherheit. Es ist also weder klug ausschließlich für Agenturen zu arbeiten oder nur für einen großen Kunden, diese Erkenntnis sollte man als Freiberufler nicht erst haben wenn die Abhängigkeit zu groß ist.

4. Vor drei Wochen habe ich in Chicago auf einer Konferenz kurz mit Jason Fried geredet, der ja für seine Anti-Wachstums Einstellung bekannt ist. Was für Overhead Stukturen gibt es auf Seiten von ffluid? Wie stellt ihr sicher, dass ich selber “lean” bleibt, und euch nicht aufblast wie eine typische Agentur?

Großartig das du einfach mal so Jason Fried triffst, ich liebe sein Werk „Rework“ und die darin vermittelten Botschaften und mache mir demnächst ein Poster von den Aussprüchen „Meetings are toxic“ und „Planning is guessing! #loveit

Sehr gute Frage mit dem Aufblasen und dem Overhead. Zunächst einmal, die DNA von ffluid ist das fluidnetwork. Projekte können nur so stark besetzt werden, wie der Kunde bereit ist Geld auszugeben. Das allseits bekannte Fallbeispiel ist ja das für den Posten Projekt Management in Angeboten. Projekte brauchen eine Instanz die für die Effizienz sorgt. Wer daran spart, der kann hinterher das Doppelt und Dreifache an Budget zahlen. Trotzdem wird oft genau daran gespart. Zahlt der Kunde hingegen externe Projekt Manager, überlegt dieser sich ganz genau wie viele Meetings und Abspracherunden auf diese Kostenstelle gebucht werden. Im Grunde sollte man, habe ich letztens bei einem anregenden Lunch diskutiert, jedes Meeting in jedem Unternehmen dieser Welt auf Kostenstellen schreiben. Was dann wohl aus den unzähligen „der-Bereichsleiter-erzählt-uns-was“-Meetings werden würde?

Aber zurück zum Lean-Ansatz. Kurz gesagt, wer Externe zahlt spart sich den Overhead eines Agentur-Retainers, denn Freelancer sind wie kaum andere Dienstleister extrem zielorientiert. Was zählt ist ein zufriedener Kunde und vor allem ein erfolgreich abgeschlossenes Projekt für den eigenen CV. Denn ist der Kunde nicht zufrieden, wird man nicht wieder gebucht und zuviel Geld will kein Kunde für Freelancer ausgeben, tickt doch im Kopf immer die Uhr mit. Diese Kombination gibt es so möchte ich sagen nicht allzu oft in den hier angesprochenen Branchen.

5. Einige unserer Leser sind selbst Freelancer. Haben die eine ganz konkrete Chance, selbst ein Teil der ffluiden Netzwerke zu werden?

Ja, ich sage immer mitmachen kann wer mitmacht. Momentan bin ich leider extrem unter Feuer was die Kundenakquise angeht und kann mich weniger um den weiteren Aufbau des Partnernetzwerks kümmern wie gewünscht. Aber die Infrastruktur steht, wir haben ein eigenes Podio Netzwerk über das die Projekte bearbeitet werden und es gibt regelmäßige Coworking Sessions in unserem Mutterspace, dem betahaus Hamburg neben den laufenden Projekten.

6. Müssen sie dazu in Hamburg im betahaus arbeiten oder akzeptiert ihr auch virtuelle Freelancer – so wie mich zum Beispiel – die sogar in anderen Zeitzonen arbeiten?

Um ganz offen zu sprechen, nein tun wir nicht. Ich persönlich glaube nicht daran, dass virtuelles Arbeiten für derart komplexe Kommunikationsprojekte, die wir im Visier haben möglich ist. Sobald wir größer sind und unsere Kommunikationsinfrastruktur internationalisiert haben, ist das kein Problem und wird sogar ein wichtiger Schritt werden. Ein wesentlicher Teil der ffluid Philosophie ist allerdings, dass wir uns untereinander persönlich kennen und 100%ig vertrauen, nur so kann ich die Beratungsqualität für den Kunden garantieren. Ich würde nie für ein großes Projekt mit mir unbekannten Experten arbeiten. Coworking ist ein großartiges Instrument, um herauszufinden welche Coworker zusammenpassen und welche nicht. Ein Großteil der Projekte da draußen scheitert nicht weil die Kompetenz nicht ausreichend vorhanden war, sondern weil die Chemie nicht stimmte und Grabenkämpfe die produktive Arbeit überschatten. Aber der eben genannte Punkt des Mitmachens ist schon ein wichtiger, wer also möchte kann gerne auf mich zukommen!

7. Kann man zum Abschluss irgendwo ein spannendes Projekt von euch sehen, an dem ihr in letzter Zeit gearbeitet habt?

Aber ja, so haben wir mit einem Team von Web Developern die Technologieauswahl für den Relaunch des Hamburger Beratungshauses ooose.de gemacht und dann in erweitertem Kreis durch ffluid’s Partnernetzwerk den Relaunch realisiert. Gerade wird die Social Media Strategie für einen großen FMCG Kunden hier in Hamburg umgesetzt, ist aber noch nichts zu sehen bis dato, man darf gespannt sein. Viele der aktuellen Aufträge sind Kreativ Workshops, z.B. für die Norddeutsche Fischmanufaktur „Deutsche See“. Aktuell hat die Idee des fluidnetwork einen Preis beim Crowdsourcing Wettbewerb auf jovoto.com zum Thema Agencies of the Future gewonnen, hier ist das Konzept noch einmal en Detail von mir erklärt. Natürlich sind einige weitere spannende Projekte in der Pipeline. Wer dem folgen möchte kann einfach unseren Newsletter abonnieren oder unseren Blog RSS Feed.

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Die ffluid fast forward concepts von Jörn sind eines der spannendsten Projekte in der deutschen Werbeszene. Ob ihr selbst Freelancer seid, gerade noch studiert und bald einen Weg einschlagen müsst,  oder einfach an der Entwicklung davon interessiert seid, wir empfehlen euch auf jeden Fall die Facebook Seite und den Blog.

Fragen dazu dürft ihr gerne auch direkt in den Kommentaren stellen.

Christian Faller

Christian Faller

Christian Faller ist Geschäftsführer bei deepr, einer Stuttgarter Werbeagentur und leitet den Digitalbereich bei Yaez. Wenn er nicht an digitalen Marketingstrategien feilt, verfolgt er sein Lebensziel, jedes Land der Welt zu bereisen. Er hat in Singapur, Frankreich, Amerika und Südafrika gelebt und gearbeitet.