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Pinterest: Das Manifest des Materialismus

Christian Faller  28. März 2012  3 Kommentare  5 Minuten zu lesen  Internet und Social Web

Bei meinem gestrigen Abendessen mit App Developer Moritz Haarmann, kamen uns einige fruchtbare Gedanken zum Thema Pinterest. Wir waren unabhängig voneinander beide davon überzeugt, dass Pinterest mit Vorsicht zu genießen sei. Dieser Eindruck war rein intuitiv, doch je mehr ich mir darüber Gedanken mache, desto klarer scheint es mir:

Pinterest ist
Das Manifest des Materialismus

(Disclaimer: Ich behaupte NICHT, dass dies die Erklärung dafür ist, warum vor allem Frauen die Plattform lieben…)

Dieser Screenshot ist kein fingiertes Bild, sondern tatsächlich meine Startseite heute morgen (Dienstag 27.03.2012). Wochen zuvor habe ich bereits meine Freunde zu meinem Feed hinzugefügt, Pinterest mitgeteilt was meine Interessen sind und ein paar eigene Pins gesteckt und geliked. Das Social Network sollte also wissen, was meine Interessen sind. Oder?

Lasst mich mal überlegen…

  • gehört Modeschmuck zu meinen Interessen?
  • interessiere ich mich für Kommoden?
  • juckt es mich was irgendwelche zufälligen Leute unter die Sachen posten?

Die Antwort ist in allen Fällen: NEIN!

Jetzt könntet man sagen das war Zufall. Oder ich habe meinen Feed nicht richtig aufgeräumt. Leider sieht man gesamter Stream so aus:

Das ist ein Zusammenschnitt aus einigen Dingen, die mir verstreut angezeigt wurden, aber beachtet, dass das immer andere User waren. Das Problem hier scheint, dass wenn ich einem User folge der DIY cool findet, dann unterscheidet Pinterest keine Unterkategorien mehr und präsentiert mir sämtliche Hausfrauen Lösungen die man selber bauen kann. Wenn ich Design mag, bekomme ich die gesamte Lagerfeld Kollektion um die Ohren geschlagen. Und interessiere ich mich für Kochen, dann liegt mir als Vegetarier ein halber toter Bauernhof auf der Startseite. Wenn ich einen Werbekatalog mit Frauenprodukten sehen will, dann bestelle ich mir den per Post. Danke vielmals, Pinterest.

Zur Verteidigung von Pinterest: JA, vermutlich ist es möglich mit mehr Aufwand hier ein besseres Ergebniss zu erzielen. Aber die Default Einstellungen mit dem Zusatz meines persönlichen Netzwerks sind der letzte Müll. Warum?

Pinterest und Pareto sind unzertrennbar

Das Pareto Prinzip ist bei Pinterest noch ein Witz. Hier kommen gefühlte 99% der Pins von 1% der User. Das führt zu einer unglaublichen Ungleichverteilung, was das Gleichgewicht zwischen meinen Interessen und meinem angezeigten Content ins Wanken bringt.

Im Idealfall ist Pinterest ein Warenkatalog

Ich möchte aber nicht zu arg in meine eigene Unfähigkeit, meinen Feed zu sortieren abrutschen. Versteht mich nicht falsch: Wer Zeit investiert und sich dafür interessiert, der kann sicherlich einen Content Stream zaubern, der für ihn hochrelevant und gleichzeitig sehr interessant ist.

Und genau hier liegt der für mich schwierigste Punkt: Pinterest ist gerade dann – im Idealfall, wenn alles stimmt – der Wolf im Schafspelz. Wir ziehen uns allen erstes eine unendliche Masse von Konsumgütern und Designerware zur Freizeitbeschäftigung rein! Das ist, als würde ich mit Freunden gemeinsam eine Dauerwerbesendung auf meinem Lieblingskanal schauen.

Wieso zur Hölle sollte ich es WOLLEN, dass ich jeden Tag 200 Produkte sehe, die ich mir gerne kaufen würde? Macht es mich glücklicher zu sehen, was ich nicht haben kann? Und wenn ich sie mir kaufe: Macht es mich glücklicher, mehr zu besitzen als ich brauchen kann? Pinterest ist kein Zufall sondern die notwendige Schlussfolgerung aus der Entwicklung unserer Gesellschaft. Es bedient das latente Bedürfnis, unseren Hunger nach mehr und mehr materialistischen Dingen zu befriedigen. Thumbs up!

Social Network? Whaaat?

Der nächste Punkt der mich stört ist die unglaubliche Oberflächlichkeit. Ständig kommentieren nur Fremde unter den Sachen auf meinem Stream, deren Meinung mir vollkommen schnuppe ist. Auch der Grad der Auseinandersetzung mit den Produkten erscheint mir höchst fragwürdig. Gefühlte 99% der Kommentare sind: „Nice“ oder „Love this“ oder „Where can I get that?“. Sich die Konversationen auf Pinterest durchzulesen ist ungefähr so sinnvoll wie der Versuch, Eiswürfel in der Saune herzustellen.

Was ist denn mit „Content is King“ passiert, Leute? Ein schönes Produktfoto allein rockt mich nicht vom Hocker. Schon gar nicht, weil es Salz in die Wunde eines der größten Probleme unserer Gesellschaft streut: Maßloser Überkonsum. Wohl bekomms! Ich zweifle daran, dass Leute sich langfristig für lustiges Bilder-Durchklicken erwärmen können. Zumindest nicht, solange der soziale Bezug zum eigenen Netzwerk so stark zu kurz kommt wie es aktuell der Fall ist. Für mich ist Pinterest der Gipfel der Sinnlosigkeit der Social Media Blase, der uns in diesem Fall sogar noch zu hochgradig materialistischem Denken anstiftet.

Sharing is Spamming

Und noch ein weiterer Punkt ist mir aufgefallen: Bei Pinterest ist Sharing nicht Caring sondern Spamming. Auf meinem Stream beobachte ich das Phänomen, dass Posts von Leuten immer im Block auftauchen. Das heißt Leute gehen auf Pinterest und pumpen innerhalb von zehn Minuten 20 Pins heraus. Hauptsache man ist aktiv. Das heißt, ich treffe beim Scrollen immer auf Themenwolken, wo dann plötzlich nur noch Essensbilder sind. Oder nur noch Modeaccesoires. Auch hier fehlt absolut die Balance…

Ich möchte keine Doktorarbeit über Pinterest schreiben. Vermutlich könnte ich das auch gar nicht, weil die Substanz einfach fehlt. Ich bin kein großer Fan des Netzwerks und ich zweifle stark daran, dass es mehr als ein riesiger Hype werden wird. Auf die Konsumgeilheit der User zu bauen scheint mir zudem ein wenig nachhaltiges Modell.

Ich lasse mich aber gerne eines besseren belehren.

Christian Faller

Christian Faller

Christian Faller ist Geschäftsführer bei deepr, einer Stuttgarter Werbeagentur und leitet den Digitalbereich bei Yaez. Wenn er nicht an digitalen Marketingstrategien feilt, verfolgt er sein Lebensziel, jedes Land der Welt zu bereisen. Er hat in Singapur, Frankreich, Amerika und Südafrika gelebt und gearbeitet.