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Print ist tot, lang lebe das eBook: Rosige Aussichten für Bestseller Autoren?

Christian Faller  19. Oktober 2011  5 Kommentare  5 Minuten zu lesen  Internet und Social Web

Print ist tot!

Eine der wohl polarisierendsten Headlines, die man wählen kann. Selbstverständlich lässt es sich so einfach nicht sagen. Bücher wird es immer geben, und auch gute Autoren werden langfristig noch ihr Wort zu Papier bringen, nicht (nur) zu Display. Jedoch gibt es in der Tat fundamentale Änderungen in der Buchindustrie, vor allem durch ein kürzlich bekannt gewordenes Ereignis:

Amazon wird Publisher / Verleger

Hier sind ein paar interessante Zahlen, die meisten davon vom Domino Project von Seth Godin:

  1. Der Umsatz der Buchbranche steigt zwar jährlich an, aber nur marginal. Die totalen Umsätze sind relativ stabil.
  2. Der Buchpreis ist gleichzeitig angestiegen (inflationsbereinigt). Das bedeutet, die Entwicklungskurve der Verkaufszahlen ist noch einmal flacher.
  3. Die Anzahl an Veröffentlichungen ist höher denn je und steigt rasant weiter. Und mit dem eBook Boom ist ein Anstieg um den Faktor 100 zu erwarten.
  4. Der Longtail bläst sich also auf! Das bedeutet im Klartext: Aller Wahrscheinlichkeit nach werden die Verkäufe pro Titel drastisch sinken, Autoren signifikant weniger Geld und Verhandlungsmacht haben und schlussendlich am Bettelstock enden.

Oder?

Amazon wittert hier eine Geschäftsidee und steigt nun als Verleger mit in den Markt ein. Mit seinen Vertriebswegen, Kundendatenbank, Technologiewissen und Reputation könnte das für Autoren eine tolle Möglichkeit sein. Und tatsächlich hat Amazon durch agressives Anwerben bereits einige Top-Autoren von Giganten wie Random House abwerben können. Seth Godin hat zum Beispiel unterzeichnet, so auch Tim Ferriss.

Hier einige Vorteile die Amazon Autoren bieten kann:

  1. Exklusiver Zugang zur Nielsen BookScan Datenbank
  2. Direkter Vertriebskanal in Millionen von Wohnzimmer, Computer, Handys und eBook Reader
  3. Verbesserte Werbemöglichkeiten auf Amazon
  4. Größere Gewinnmarschen als Resultat einer verkürzten Supply Chain: „Cutting out the middlemen“
  5. Weniger Zeit zwischen Fertigstellung des Buches und Erscheinungstermin

Ferriss sagte in einem Interview mit der NY Times:

“The opportunity to partner with a technology company that is embracing publishing is very different than partnering with a publisher embracing technology”

Und er hat wohl nicht ganz unrecht. Denn dass Amazon neue und attraktive Deals tragen kann beweist Seth Godin zum Beispiel mit seinem neuesten Buch „We Are All Weird„:

Seth Godins Experiment

Der neue Titel von Godin wird bei Amazon mit einer limitierten Auflage von 11,000 Hardcover Exemplaren vertrieben. Mehr wurden und werden nicht gedruckt.

Was zum??!!

Laut Godin sind 10,000 Bücher die magische Zahl der Industrie, bei der der Autor sozusagen seinen Break-Even Point erreicht und schwarze Zahlen schreibt. Eine Auflage von 11,000 ist also der Punkt, an dem es sich bereits rentiert hat. (Anm: Für einen Autoren wie ihn ist es natürlich weit unter den Erwartungen, aber hier geht es wohl um die Symbolik)

Nun die Idee: Gehen die Zahl der Verkäufe und die verstrichene Zeit nach Veröffentlichung gegen unendlich, ist Digital unweigerlich besser als Print:

  1. Bedarf kann immer und einfach gedeckt werden (keine Lagerkosten, Lieferkosten und Druckkosten)
  2. Updates und Neuauflagen sind einfacher zu bewältigen und können alten Käufern sogar geschenkt werden als Upgrade
  3. Produkt hat keine Qualitätseinbußen über die Nutzjahre hinweg

Das bedeutet aber auch einen entscheidenden Vorteil von Print, den Digital niemals haben wird: Knappheit. Wenn wir wissen, dass es nur eine begrenzte Anzahl von etwas gibt, sind wir eher dazu geneigt, es zu kaufen, es wertzuschätzen und uns daran zu erfreuen, als wenn es unbegrenzt auf Lager ist und innerhalb von 20 Sekunden erworben werden kann, egal wo auf der Welt.

Die Auflage von 11,000 Büchern ist zum Zeitpunkt dieses Artikels vermutlich schon nahezu vergriffen. Fortan wird nur noch digital vertrieben. Und die Marschen, die Godin bei seinen höchstwahrscheinlich sehr fairen Konditionen von Amazon abgreifen kann, sind sicherlich nicht von schlechten Eltern. Alles ab dann ist Reingewinn, komplett risikofrei.

Kindle kaufen

Das kann auch schief gehen

Sicherlich kann dieses Experiment auch scheitern. Vor allem Nicht-Bestseller Autoren sollten hier wohl vorsichtig sein und sich nicht von den tollen Gewinnmarschen blenden lassen. Wenn Amazon dir nämlich nicht deines Rufes wegen einen so tollen Deal unterstützt, kann die Sache anders aussehen. Und selbst im Fall Godin  ist noch immer zweifelhaft, ob die Verkäufe nicht überraschend schmal ausfallen. Denn Tim Ferriss hatte für seinen Bestseller „The Four Hour Workweek“ eine interessante Statistik veröffentlicht:

„- The 4-Hour Workweek is one of the top-10 most highlighted Kindle books of all time.

– The 4-Hour Workweek was the #1 business book when Kindle first shipped after November 2007, and is currently around #116 in the Kindle store.

– In my last royalty statement, December 2009, digital book sales (all formats, including Kindle) totaled…. ready?… a mere 1.6% of total units sold.“

Das bedeutet nichts anderes, als dass Godin versuchen muss, Leute die eigentlich Papier kaufen würdem, zum Kauf von Digital zu überreden. Im schlimmsten Fall kaufen diese sich stattdessen ein anderes klassisches Buch und er verliert die Kunden komplett. Diese Zahlen von Ferriss sind knappe 2 Jahre alt, also wird sich einiges auf dem eBook Markt getan haben. Dennoch, Massenmarkt sind sie noch immer nicht.

Christian Faller

Christian Faller

Christian Faller ist Geschäftsführer bei deepr, einer Stuttgarter Werbeagentur und leitet den Digitalbereich bei Yaez. Wenn er nicht an digitalen Marketingstrategien feilt, verfolgt er sein Lebensziel, jedes Land der Welt zu bereisen. Er hat in Singapur, Frankreich, Amerika und Südafrika gelebt und gearbeitet.