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Meine Bachelor-Arbeit in Google Docs

Falk Ebert  15. Juni 2011  41 Kommentare  4 Minuten zu lesen  Internet und Social Web

Bachelor Arbeit in Google Docs

Open Innovation ist cool – aber man muss es halt auch machen. Doch während wir intimste Fotos und Gedanken auf Twitter, Facebook und Instagram raushauen, schreiben wir unsere Bachelor- und Studienarbeiten immer noch im Stealth Mode. Das halte ich für falsch. Und deswegen möchte ich heute den ersten Schritt machen und nicht nur meine Bachelor-Arbeit, sondern auch den Entstehungsprozess veröffentlichen. Die erste post-privacy-Bachelor-Arbeit der Welt, gewissermaßen.

Aus der Perspektive der klassischen Wissenschaft ist das erst mal ungewöhnlich. Wer als Wissenschaftler etwas auf sich hält, der publiziert nicht einfach so im Internet, sondern bei einem möglichst angesehenen Verlag oder einer Fachzeitschrift mit einem eingespielten peer-review Verfahren. Und die Arbeit wird erst veröffentlicht, wenn sie dreifach korrekturgelesen und damit zitierfähig ist. Doch eigentlich entspricht das doch nicht dem allgemeinen Verständnis von Wissenschaft – denn was ist Falsifizierbarkeit anderes als permanent beta? Und sitzen wir (Achtung, romatisch-verklärtes Verständnis des Wissenschaftsbetriebes) nicht alle im selben Boot und sollten Informationen so effizient und schnell teilen wie es nur möglich ist? Fakt ist: Der Wissenschaftsbetrieb ist mit seinem System der Publikation und den unsagbar unzeitgemäßen Fußnoten in seiner heutigen Form zu langsam. Zu langsam, um mit den rasanten technologischen und kulturellen Veränderungen Schritt zu halten. Mit einer schon im Entstehungsprozess von Google indizierten Bachelor-Thesis möchte ich den ersten Schritt in eine andere Richtung machen.

Da Google Docs in Echtzeit funktioniert, bedeutet das, dass man jeden Buchstaben den ich Tippe, jeden Schreibfehler und jede Änderung live mitverfolgen kann. Ist mir das nicht unangenehm? Ein bisschen, vielleicht. Wenn ich beispielsweise digitale Kunst mit Photoshop und Co. erstelle, kann ich es überhaupt nicht leiden, wenn man mir über die Schulter schaut. Ich verweigere dann auch jede Aussage über mein Tun, bis das Bild oder Video schließlich fertig ist und bei deviantArt hochgeladen wird. Ich habe sogar Projekte in der digitalen Schublade liegen, an denen ich Wochen gearbeitet habe, von denen aber noch niemand etwas weiß. Aber bei meiner Bachelor-Arbeit geht es nicht um Kunst. Und auch nicht um mein Ego.

Und auch wenn ich meine Arbeit mit Sicherheit nichts Besonderes, sondern eine ganz gewöhnliche Abschlussarbeit eines Bachelor-Studenten wird – ich denke, das öffentliche Schreiben bringt Vorteile mit sich.

Mögliche Vorteile für andere:

  • Studenten, die an einem ähnlichen Thema schreiben, können die Arbeit über Google finden und sich über meine Ansätze informieren. Ich finde es wahnsinnig schade, dass die unzähligen wissenschaftlichen Arbeiten der Studenten, die jedes Jahr abgehen, in Uni-Bibliotheken und auf Studenten-Laptops verrotten. Natürlich haben diese Arbeiten nicht den selben Wert wie ein regulär publiziertes Buch. Aber sie würden einen guten Orientierungspunkt für Studenten bieten, die sich für eine Hausarbeit oder Präsentation in ein Thema einarbeiten müssen.
  • Wissenschaftliche Arbeiten werden für nicht-Wissenschaftler und Erstsemester greifbarer. Ich erinnere mich noch genau, wie verzweifelt uns die Dozentin im Fach „Wissenschaftliches Arbeiten“ erklären wollte, was das wissenschaftliche Schreiben ausmacht. Wir hatten nach dem Semester immer noch keinen Plan davon. Wenn wir alle offener mit unseren eigenen (scheinbar unbedeutenden) Publikationen umgehen, öffnet das den nach außen verschlossen wirkenden Wissenschaftsbetrieb ein wenig.

Mögliche Vorteile für mich:

  • Ich bin motivierter, regelmäßig und zügig daran zu schreiben, wenn man mir über die Schulter schaut.
  • Ich bin eher dazu gezwungen, präzise vorzugehen und von Anfang an solide Fundamente für meine Argumentation zu schaffen. Beim Schreiben einer Arbeit, so wurde uns gesagt, sollte man immer einen imaginären Kritiker im Hinterkopf haben, der alles hinterfragt, was man zu Papier bringt. Nun ja – dieser Kritiker muss nicht imaginär sein. Kritisiert mal drauf los, gerne auch nicht-öffentlich per Email an mich.
  • Und außerdem freue ich mich über eure Einschätzungen, Kritikpunkte und Anregungen. Schon im Entstehungsprozess der Arbeit. Denn wenn sie erst mal abgegeben ist, ist es zu spät.
Ich hoffe, ich habe euch mit dem sehr langen Artikel heute nicht erschlagen. Danke an alle, die es bis hier her geschafft haben! Denn der wichtigste Teil des Artikels kommt jetzt:

Hier der Link zu der Literatur und meinen Notizen dazu

Um was geht es bei der Arbeit überhaupt?

Um eine Typologie der Viralität. Eine Ordnung aller Cases, die in der Praxis irgendwie mit dem Begriff „viral“ in Verbindung gebracht werden. Also so etwas ähnliches wie mein früher Ansatz hier, nur dieses Mal detaillierter und wissenschaftlich fundiert.

Zitat aus meinem Exposé:

Das Verständnis, welches aus dieser Typologie entsteht, könnte nicht nur einen besseren Überblick über das Thema “Viralität” schaffen, sondern auch Analysen zur Planbarkeit und Risikovermeidung von viralen Kommunikationsmaßnahmen erleichtern.

Viel Spaß beim Reinschauen.

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Falk Ebert

Falk Ebert

Falk Ebert hilft Firmen, die Vorteile der Digitalisierung für ihr business zu nutzen. Neben dem Technologie-Optimismus ist er getrieben von seiner Liebe für die Wissenschaft, das Reisen in neue Länder und das Lernen von neuen Sprachen.