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Case Study: *.wwf – WTF?

Falk Ebert  1. Dezember 2010  4 Kommentare  4 Minuten zu lesen  Online-Cases

Screenshot der Download-Page

Stellt euch ein Dateiformat vor. Ein Dateiformat, das keiner benutzt. Ein Dateiformat, das keine Vorteile gegenüber anderen Formaten hat. Und es ist nicht auf allen Endgeräten lesbar. Darauf hat die Welt gewartet.

Nicht. Scheinbar aber der World Wide Fund For Nature, denn der neueste Geistesblitz von Jung von Matt für die NGO ist genau das. Was hinter dem WWF-Dateiformat steckt und warum das Ganze vielleicht doch nicht so ein fail ist, wie es auf den ersten Blick aussieht, klären wir im heutigen Online-Case.

Momentum

Ein Dateiformat, das man nicht drucken kann. Klingt erstmal gut. Vor allem für Leute wie uns, die sowieso für weniger Papier und mehr digital kämpfen. Denn es wird wirklich zu viel gedruckt: Ich möchte den Namen der Institution nicht nennen, aber ich kenne eine Verwaltung aus dem öffentlichen Sektor, die sich Emails gegenseitig ausdruckt und ins Fach legt, anstatt den Forward-Button zu drücken. Kein Scherz.

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Also eine Top-Idee, die einschlägt wie eine Bombe? Nicht wirklich. Zwar hatten gestern nach dem Launch tatsächlich viele Online-Medien das Thema aufgegriffen und auch bei Twitter gab es ein paar Tweets dazu, jedoch könnte man die Reaktion auf die WWF-Aktion doch eher als verhalten bezeichnen. Es liegt die Vermutung nahe, die Präsenz des Themas im Internet ist vor allem den Pressekontakten von JvM und WWF zu verdanken, nicht der Viralwirkung des Tools oder der Idee dahinter. Denn die ist, nüchtern betrachtet, ziemlich witzlos:

  • Auch normale PDFs kann man mit Adobe Acrobat vor dem Ausdrucken bewahren. Selbst diverse kostenlosen PDF-Printer können das.
  • Kann bei den Internetausdruckern so wirklich ein Sinneswandel bewirkt werden, oder erzeugt die Idee womöglich sogar Reaktanz?
  • Warum stoppt der WWF nicht konsequenterweise sofort seine vielen Mitgliedermagazine und versendet sie als PDF?

Die ersten Blogs nörgeln schon. Warten wir mal ein paar Tage ab, wie sich die Sache entwickelt. Es würde mich auf jeden Fall freuen, wenn das Thema Papier mal wieder breiter diskutiert wird.

Handwerk

Hätte dem WWF wirklich etwas daran gelegen, dass das Tool, wenn auch nur für kurze Zeit, Verwendung findet, hätte man es gleichzeitig für Mac, Windows und Linux launchen müssen. Eine so große Programmierleistung kann das ja nicht sein. Zumindest läuft das Tool (im Prinzip ein PDF-Printer) bei den meisten Mac-Usern stabil.

Gelobt werden muss bei der Aktion die wirklich gut betreute Facebook-Fanseite. Und die ebenso schlichte wie schöne Kampagnenseite mit funktionablen Sharing-Buttons. Auch wenn die Seite gestern Mittag kurzzeitig überlastet war, gut gemacht!

Werbewirkung

Wer sich mit Werbung von Jung von Matt auseinander setzt, merkt schnell: Es geht dabei oft nicht um die Wahrnehmung der Werbung, sondern in der Regel um die Wahrnehmung der Berichterstattung zu Werbung. Unter diesem Aspekt betrachtet kann man dem Tool wohl kaum vorwerfen, dass es nicht benutzt werden wird. Denn wieviele Leute haben die Fliegenbanner gelesen oder das Plakat beim Castor-Transport mit eigenen Augen gesehen? Und doch kennen wir alle diese Cases.

Und so bleibt vor allem die mediale Wirkung zu bewerten und die Frage, wie gut sie das Thema transportiert. Letzteres ist meiner Meinung nach super gelungen: Tötet keine Bäume, werdet paperless offices! Aber wie oben erwähnt, war das Presse-Echo auf die Aktion, meinem Empfinden nach, relativ bescheiden. Und solange es die Aktion nicht in die Holzmedien schafft, wird sie auch kaum die Baumtöter erreichen. Aber was nicht ist kann ja noch werden.

Zweite Meinung von Chris.

Geil! Ich finde die Idee super gelungen. Endlich mal wieder eine Werbekampagne, die auch tatsächlichen Nutzen bringt – nicht so wie die VW Piano-Treppe, die zwar lustig ist, aber mit VW ungefähr soviel am Hut hat wie ich mit chronischen Ja-Sagern. Technisch alles einwandfrei umgesetzt, tolle Microsite und ein super gepflegter Facebook Account. Jung von Matt leistet sich mal wieder keinen Schnitzer, abgesehen von der fehlenden Windows Version. Ich fände es richtig schade, wenn hier der Viral Effekt ausbleibt *TwitterImNeuenTabAufmach*

Fazit

Speaking of the fun theory: Hätte ein Viral, gepart mit einer Crowd-Sourcing-Plattform zum Sparen von Papier hier nicht mehr bewirken können? Vielleicht, dann wäre es aber keine clevere Jung von Matt Idee gewesen. Und auch wenn ich der Aktion beim besten Willen keinen längerfristigen, praktischen Nutzen für den User unterstellen kann, so muss man *.wwf doch loben. Denn „mach dein Kopf irgendwo rein“-Cases, billige Virals und iPad-Gewinnspiele gab es genug in den letzten Monaten.

Endlich mal wieder eine frische Werbeidee.

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Gefahrgut-Check von Falk Ebert.

Falk Ebert

Falk Ebert hilft Firmen, die Vorteile der Digitalisierung für ihr business zu nutzen. Neben dem Technologie-Optimismus ist er getrieben von seiner Liebe für die Wissenschaft, das Reisen in neue Länder und das Lernen von neuen Sprachen.