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Der digitale Spiegel

Falk Ebert  15. November 2010  6 Kommentare  3 Minuten zu lesen  Internet und Social Web

 

Vor zehn Jahren dachten wir noch, die Computer und das Internet würden uns eine skurile Parallelwelt bescheren. Wir dachten falsch. Denn das Internet wurde nicht zu einem Second Life, nicht zu einem Otherland. Stattdessen haben wir heute eine Augmentation unseres Alltags in der Welt, deren Luft wir atmen. Eine Augmentation und eine Reflektion. Darüber schreibe ich heute. Am Mittwoch werde ich dann darauf eingehen, wie diese Erkenntnis uns zu erfolgreicher Werbung verhilft.

Actio und Reactio

Früher war das Thema bei Sozialer Interaktion im Internet stets „meet new friends“. Ein paar Freaks haben sich in Chatrooms und Newsgroups getroffen. Unter Fake-Namen. Heute ist das Motto: „meet your friends online“. Weil deine Freunde da schon sind. Bei Facebook. Und sie posten Fotos von eurem gemeinsamen Urlaub.

In den letzten Jahren ist ein Trend stark zu spüren: Das Internet fungiert immer weniger als eine Ersatz-Realität und immer mehr als Abbild und Erweiterung dessen, was wir im Alltag tun.

Das Internet wird zum digitalen Spiegel:

  • Wir kaufen Turnschuhe und liken dann zuhause die Marke auf Facebook.
  • Vor dem Urlaub lesen wir Testberichte auf entsprechenden Portalen über das Hotel.
  • Wir twittern unser Abendessen.
  • Die Slides unserer Präsentationen auf MeetUps sind per Slideshare gleich unter dem Video eingebettet.
  • Wir erfahren von Trennungen im Freundeskreis über den veränderten Beziehungsstatus.
  • Ein Unternehmen, dass keine Homepage hat, existiert nicht.
  • In Stuttgart eskaliert eine Demo und wir sehen es bei YouTube.
  • Durch meine Straße kann ich mit dem Fahrrad, oder mit Google Streetview fahren.
  • Ein Baum steht im Wald und Wikipedia kennt seinen Namen.

Die Liste lässt sich ewig fortsetzen. In unser Leben dringen Mechanismen ein, die menschliches Zusammenleben digital spiegeln. Das sind heute schon gelernte Prozesse.

Nein, es ist kein akkurates Spiegelbild, eher eine unscharfe, teilweise gesteuerte Reflektion. Und doch wird unser digitales Spiegelbild immer schärfer. Nicht zuletzt dank der rasanten Verbreitung von mobilem Internet. Und wenn wir alle iPhones und Androids haben, wird die Entwicklung nicht stoppen. Ihr könnt euch sicher sein: Google und Facebook arbeiten in genau diesem Moment mit Hochdruck an einer Implementierung von Gesichtserkennung und Objekterkennung in ihre Produkte. Wer also in Zukunft abgelichtet wird, braucht keine Freunde mehr, die einen auf dem Bild taggen. Und wie lange nutzen wir die Check-In Mechanik von Foursquare und Co. noch manuell? Und was kommt dann?

Für viele ist das beängstigend. Vor allem hier in blurmany. Aber vielleicht ist es auch eine Chance. Für mehr Offenheit. Für weniger Heuchelei. Und vor allem: Für das bewusste Zurückziehen in private Räume, ohne digitales Spiegelbild. Denn die werden wir uns immer schaffen können, zumindest zuhause. Und das ist der Unterschied zu 1984-Szenarien: Die Freiwilligkeit.

Sind wir doch ausnahmsweise mal freiwillig optimistisch und richten den Blick auf die Chancen und Möglichkeiten des digitalen Spiegels. Ausnahmsweise.

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Falk Ebert

Falk Ebert

Falk Ebert hilft Firmen, die Vorteile der Digitalisierung für ihr business zu nutzen. Neben dem Technologie-Optimismus ist er getrieben von seiner Liebe für die Wissenschaft, das Reisen in neue Länder und das Lernen von neuen Sprachen.