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Meine erste und letzte Rechtfertigung für Twitter

Falk Ebert  4. Oktober 2010  12 Kommentare  4 Minuten zu lesen  Internet und Social Web

Twitter – Mein Tweet zu diesem Artikel

Wie oft werde ich gefragt: „Hey Falk, du benutzt doch auch dieses Twitter. Sag mal, ist das nicht totaler Blödsinn?“. Ich finde es klasse, wenn ich das gefragt werde. Ich schätze das. Denn erstens zeigt die Person Interesse und gleichzeitig gesunde Skepsis und zweitens fragt sie überhaupt, anstatt die üblichen Vorurteile aus Angst vor Neuem vorzuschieben. Ich persönlich halte das ja so wie Hunter S. Thompson: „I wouldn’t recommend Twitter, Tumblr and Facebook to everyone, but they’ve always worked for me.“

 

Was kann denn in 140 Zeichen schon Relevantes stehen?

Na, sowas zum Beispiel:

  • Das iPad erscheint am 28. Mai 2010 in Deutschland ab 499€.
    (noch 83 Zeichen übrig)
  • Denk morgen an die Unterlagen für das Meeting!
    (noch 91 Zeichen übrig)
  • Ich liebe dich!
    (Noch 125 Zeichen übrig)

Und dazu kommt noch etwas anderes: Shortlinks. Wenn ich im ersten Tweet zum Beispiel einem Artikel von Spiegel Online verlinke, kann der Interessent, der mir bei Twitter folgt, die Quelle prüfen und sich ausführlich über das iPad informieren. Wenn er nicht interessiert ist, hat er maximal eine Zehntel Sekunde damit vergeudet, meinen Tweet zu lesen.

Aber verblöden wir nicht alle, wenn wir uns auf 140 Zeichen beschränken? Kein Twitter-User ist so bescheuert und beschränkt sich bei der Informationsbeschaffung auf Twitter. Von daher dürfen die 140 Zeichen auch nicht als Substitut, sondern als Komplement zum bisherigen Informationskonsum angesehen werden. Nicht als Alternative zu den bestehenden Medien, sondern als vor-, bzw. meta-medialen Raum

Ein Beispiel aus der Praxis: Ich twittere, dass ich das wundervolle Buch Gödel, Escher, Bach zu Ende gelesen habe. Kurz darauf lese ich via Twitter bei Stefan Lesser, der eben aus dem wundervollen Film Inception gekommen ist, wie sehr das Buch zum Film passt. Als ich am nächsten Tag selbst in Inception gehe, bin ich begeistert, wie sehr er Recht hatte. Mit dem Buch im Hinterkopf kann man völlig neue Ebenen im Film entdecken. Und noch etwas anderes ist passiert. Bjoern Eichstaedt liest meinen Tweet und empfiehlt mir ein anderes Buch. Und so wurden aus 140 Zeichen Tweet eine wertvolle Erkenntnis für 148 Minuten Film und 632 Seiten gedrucktes Buch.

Bei Twitter steht doch nur Banales, dafür ist mir meine Zeit zu schade!

Meine Antwort: Ja und Nein und Egal.

Ja, weil bei Twitter natürlich viel Banales steht. Aber bei vielen Menschen interessiert mich auch das Banale. Ernsthaft: Ich finde es interessant, was meine kleine Schwester zu Mittag isst oder wo sie abhängt, wenn sie grade in Sankt Petersburg ist. Weil ich mich ihr dann näher fühle.

Nein, weil es auch Leute gibt, die nur hoch-qualitative Links oder interessante Pointen twittern. Chris oder Daniel fallen mir da spontan ein. Man kann ja auch nur denen folgen.

Egal, weil wir im Anaolgen auch banal sind. Das macht uns zu Menschen, hilft im sozialen Miteinander. Oder drehen sich unsere Gespräche mit Kollegen, Geschäftspartnern oder Freunden nur um die allerwichtigsten Dinge? Was viele bei Twitter stört, ist die Verschriftlichung des Banalen. Die gab es nämlich vorher selten. Banales gab es aber schon immer. Auch in der Geschäftswelt. Und das ist auch gut so.

Aber ist Twitter nicht nur ein Trend, der bald vorbei ist?

Kann gut sein. Ganz im Ernst. Auch wenn Twitter kein neues Second Life ist (die Nutzerzahlen einfach mal selbst vergleichen), ist Twitter (gefühlt) schon wieder auf dem absteigenden Ast. Zumindest was das persönliche, private Microblogging angeht. Der Nutzen für mich persönlich ist in den letzten Jahren jedoch eher gestiegen als gesunken.

Aber das bedeutet nicht das Ende von Microblogging. Denn Twitter kam in Deutschland einfach zu spät an. Die meisten User microbloggen heute täglich auf Facebook, ohne den Begriff dazu zu kennen. Facebook ist nämlich, bevor es in Deutschland groß wurde, Twitter immer ähnlicher geworden. So wie StudiVZ inzwischen auch, leider zu spät.

Und für den gedanklichen Austausch und das Netzwerken für Kommunikations-Professionals wird Twitter noch lange, vermutlich sogar sehr lange, interessant bleiben. So lange, bis wir auf den nächsten Dienst umsteigen. Das Ende der Postkutsche war nicht das Ende des Briefeschreibens. Das Ende von Twitter wird nicht das Ende des öffentlichen Microbloggings sein. Garantiert.

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Falk Ebert

Falk Ebert

Falk Ebert hilft Firmen, die Vorteile der Digitalisierung für ihr business zu nutzen. Neben dem Technologie-Optimismus ist er getrieben von seiner Liebe für die Wissenschaft, das Reisen in neue Länder und das Lernen von neuen Sprachen.