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Leben und Überleben im Stream – Der Guide

Falk Ebert  23. Juni 2010  4 Kommentare  6 Minuten zu lesen  Werbung mit und im Internet

Der Stream

Früher war es noch schön. Da gab es eine Zeitung, die man über Jahre abonniert hatte, abends schaltete man die Tagesschau ein und für den Dorftratsch gab es das Telefon und das unverbindliche Gespräch am Gartenzaun. Heute ist das nicht mehr so. Heute gibt es Waves, Emails, Suchergebnisse, Wikis, RSS, Reader dafür, Twitter-Feeds, Facebook-Timelines, Tumblr-Dashboards, Email-Benachrichtigungen, Newsletter, Skype-Chats und so weiter und so fort.

Es ist naheliegend, dass manche da die Arme über dem Kopf zusammenschlagen und sich am liebsten unter dem Bett verkriechen würden. „Informationsüberflutung“ ist das Stichwort. Aber genauso wie der Mittelalter-Mensch, der irgendwann Bibliotheken gebaut hat, nicht tot umgefallen ist, kann man sich auch im digitalen Zeitalter zurechtfinden. Man muss nur ein paar alte Gewohnheiten über Bord werfen und Neue Medien mit neuen Methoden nutzen. RSS mit Gartenzaun-Nutzungsweise oder Facebook mit Zeitungs-Rezeption funktioniert eben nicht. Deshalb:

ausprobieren

Das Web bietet uns so viele Möglichkeiten. Und die meisten davon kann man ohne Kosten und mit nur geringem Zeitaufwand ausprobieren. Warum also nicht? Ich verstehe beispielsweise, dass viele Leute sich bis heute noch nicht Twitter angeschaut haben. So wie die Privatsender, Kerners und die Feuilletonisten davon sprechen, muss das ja irgendwas zwischen Promi-Zeug und Teufelswerk sein. Hätten sich diese Personen nur mal angeschaut, wovon sie da sprechen!

Und das Ausprobieren heißt bei Twitter (ein Beispiel) nicht, dass man sich einen Account anlegt und probeweise drei Personen folgt. Denn das ist so, als würde man sich alleine auf einen Fußballplatz stellen, 10 Minuten den Ball dribbeln und dann sagen: „Dieses Fußball ist nichts für mich, ich hab es probiert. Die WM ist auch scheiße.“

Alle Veränderung erzeugt Angst. Und die bekämpft man am besten, indem man das Wissen verbessert. Ihno Schneevoigt.

selektieren

Auch wenn ich dazu raten möchte, alle oben aufgeführten Möglichkeiten (von Wave bis Skype-Chat) auszuprobieren, muss ich davon abraten, alle zu nutzen. Jeder muss seine eigene Kombination finden, die seinen Nutzungsmotiven gerecht wird. Ich persönlich habe alle Email-Newsletter abbestellt, nutze StudiVZ nur noch so wenig wie möglich, nutze das Tumblr-Dashboard nicht, sondern folge den Tumblelogs lieber über meinen RSS-Reader und verzichte darüber hinaus auf sämtliche Facebook- und Twitter-Benachrichtigungen per Mail. Dafür habe ich ein ausgeklügeltes System aus Readern und On- und Offline-Tools entwickelt, dass perfekt auf mich passt.

sortieren

Ich habe zwar nicht nachgezählt, aber ich folge sicherlich einer dreistelligen Anzahl an News-Seiten und Blogs mit dem Google Reader. Da kann ich nur den Überblick behalten, weil ich die Nachrichten in 14 Kategorien eingeteilt habe. Und Möglichkeiten zum Sortieren gibt es an vielen Orten: Von den Twitter-Listen bis zu Sortier-Regeln im Email-Programm. Es lohnt sich! Tipp: Auch medienübergreifend sortieren. Bestimmte Informationen nur noch über bestimmte Tools. So folge ich zum Beispiel keinen Nachrichtenseiten mehr bei Twitter oder Facebook, weil ich die alle auf den Reader verschoben habe.

Was man früher in einen "Seht-mal-hier"-Beitrag ohne bereichernde Substanz gepresst hat, passt heute entspannt in 140 Zeichen. Sascha Lobo.

aggregieren

Die Fähigkeit Daten zusammenzuführen ist die einzige Möglichkeit, dem Chaos der Angebote Herr zu werden. Multi-Client-Messager wie digsby oder Seiten wie silentale verbinden verschiedenste Dienste, Facebook und Twitter spielen wunderbar zusammen, fast alles im Netz bekommt man als RSS für den Reader und so weiter.

untreu sein

Wie bereits erwähnt: Früher blieb man seiner Zeitung über Jahre treu. Zu aufwendig der Wechsel, zu gewöhnt war man an das Blatt. Im Internet möchte ich jedoch jeden dazu ermuntern, anders vorzugehen: Der eine Blog schreibt nur noch Quatsch? Abschießen! Der Twitter-User redet über Dinge, die langweilig sind? Entfolgen! WELT.de macht kein Spaß mehr? Mal eine Kombination aus SpiegelOnline und der Zeit probieren! Treue Leserschaften waren etwas für das zwanzigste Jahrhundert. Heute müssen die Journalisten, Blogger und Twitter-User jeden Tag beweisen, dass sie unsere Aufmerksamkeit verdienen.

What we need is not more information but the ability to present the right information to the right people at the right time in the most effective and efficient form. Robert E. Horn.

sozial filtern

Wer den richtigen Leuten bei Twitter folgt und die richtigen Freunde bei Facebook hat (und nicht verbirgt), der bekommt die richtigen Infos zur richtigen Zeit. Die Umkehrung dieses Satzes ist gültig. So einfach ist das.

technisch filtern

Der Flut der Daten kann und sollte man aber auch technisch regulieren. Manche Clients wie z.B. Tweetdeck helfen dabei, in dem sie bestimmte Wörter gleich aussortieren. Nicht an Empfehlungen am Freitag interessiert? Einfach #ff filtern. Auch für Facebook gibt es ein wunderbares Ding. Den FriendFilter für Firefox. Damit schütze ich mich vor „Person 9872 gefällt Two and a half man.“ und „Person 324 hat das Quiz XY gemacht mit dem Ergebnis…“.  Ich filtere einfach Fan-werden, Gruppen beitreten, Applications und neue Freundschaften aus meiner Facebook-Timeline.

Bildung im 12. Jahrhundert erfordert vor allem und zunächst die instinktsichere Abwehr überzähliger Informationen. Hans Kasper.

ignorieren

Die Höflichkeit des Ignorierens: Die Informationsflut kann man nur überleben, wenn man bewusst ignoriert. Die Tweets ignoriert, während der Offline-Zeit gezwitschert wurden, die Artikel im Reader ignoriert, die keine spannenden Überschriften haben und die Freunde ignoriert, die auf Facebook nerven. Das ist deswegen so unbedenklich, weil man den Quellen übermorgen ja schon wieder folgen kann. Also öfters mal den Input umwälzen. Das hilft!

speziell sein

Das Web ist mehr als SpiegelOnline, Spreeblick und Sascha Lobo. Es gibt so schöne Seiten jenseits des Mainstream. Fake Science, der Physikblog, Mashuptown und ein paar andere sind Geheimtipps von mir. Welche Nischen entdeckt ihr für euch?

nicht vergessen

So, das ist jetzt nochmal wichtig! Der Stream ist nicht alles! Denn auch wenn wir Nachrichten und Blogeinträge hier so gut bekommen wie nirgendwo sonst, ersetzt das nicht das Lesen von Büchern. Wirklich. Nachrichten schauen kann man dank dem Internet wann man will und auch mal öfters die Nachrichtensendungen wechseln. Audio kann man problemlos on demand hören. Aber die Bücher ersetzen Links, RSS-Feeds und Tweets nicht.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich spreche nicht zwangsläufig von Pappdeckeln. Ich habe schon mehrere Bücher auf meinem Handy gelesen und fand es sogar sehr angenehm zu lesen. Und dann gibt es da ja noch so Sachen wie das Kindle oder das iPad. Aber am Buch führt kein Weg vorbei. Denn die Systemtheorie von Luhmann versteht man nicht dank Blogeinträgen wie „10 facts about Luhmann you should know.“ Ebenso wie der coolste Artikel über Herr der Ringe Zeug bei Nerdcore nicht an die Bücher des Herrn Tolkien heranreicht. Also: Bücher nicht vergessen! Dann bleibt nur noch ein Tipp:

fun haben

Have fun!

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Falk Ebert

Falk Ebert

Falk Ebert hilft Firmen, die Vorteile der Digitalisierung für ihr business zu nutzen. Neben dem Technologie-Optimismus ist er getrieben von seiner Liebe für die Wissenschaft, das Reisen in neue Länder und das Lernen von neuen Sprachen.