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Warum Fachbegriffe nicht nur peinlich und ätzend sind

Falk Ebert  8. Juni 2015  1 Kommentar  3 Minuten zu lesen  Interna

Unter den vielen nervtötenden Eigenschaften von Agenturmenschen, Unternehmensberatern und Beamten ist das konsequente Verwenden von Fremdwörtern und Anglizismen zweifelsfrei die schlimmste.

Die beispielsweise bei Beratersprech gesammelten Perlen wie…

Der neue Onboarding Flow ist supersmooth – kein Wunder, dass die Signups skyrocketen.

…klingen nicht nur unglaublich unangenehm. Sie sind auch leider nicht allzu weit von der Realität entfernt. Auch ich mache mich mindestens wöchentlich schuldig, einen ähnlichen Satz von mir zu geben. Doch so unangenehm das Auftreten von Menschen mit derarartigem Vokabular auch sein mag – ganz unnötig sind Fachbegriffe und Anglizismen nicht. Lasst es mich erklären und steinigt mich dann.

Randall Munroe hat einmal versucht, die Saturn V Rakete ganz ohne Fachchinesisch zu erklären. Oder noch genauer: Mit den 10.000 häufigsten Worten.

Das ist dabei rausgekommen.

Up Goer Five – Eine Welt ohne Fachbegriffe

 

Auch das ist nicht angenehm zu lesen.

Und noch wichtiger: Wäre die Kommunikation unter den Ingenieuren so verlaufen, wäre der Flug zum Mond heute immer noch ein unerfüllter Menschheitstraum.

Zeit für ein kleines, reflektiertes Pro und Contra aus meiner Sicht.

Wann solltest du keine Fachbegriffe verwenden?

  1. Wenn der Fachbegriff nicht präziser (gemeint!) ist, als das einfachere Wort.
    Wenn du beispielsweise „Diskurs“ sagst und „was halt so diskutiert wird“ meinst, bringt das deinen Gegenüber weniger voran, als wenn du dich auf einen konkreten Diskurs-Begriff (z.B. Foucault) beziehst.
  2. Wenn du einen Laien in ein Thema einweihen möchtest.
    Um einen dreizehnjährigen indogenen Regenwaldbewohner in das Thema Raumfahrt einzuweihen, wären die oben gewählten Worte vielleicht sogar okay.
  3. Wenn du damit deine Inkompetenz verstecken möchtest.
    Denn wer von einem coolen „Gamification-Approach“ spricht, ist nicht von der Pflicht entbunden, diesen dann im Folgenden auch zu erklären.

Ach ja, und natürlich generell, wenn es sich vermeiden lässt.

Wann sind Fachbegriffe okay?

Und doch bin ich absolut allergisch auf Anglizismen-Hasser und Menschen, die den Vorteil von Fachbegriffen im professionellen Kontext nicht sehen möchten.

  1. Um Themen zu verankern.
    Möchte man eine langanhaltende, grundlegende Veränderung herbeiführen, kann ein Schlagwort helfen. Denn ein Begriff wie „Big Data“ ist ein guter Ankerpunkt, um komplexe Diskussionen zu verschlagworten, ohne die Implikationen und Facetten jedes Mal erklären zu müssen.
  2. Um abzugrenzen.
    Ein oft übersehener Vorteil der deutschen Sprache: Sage ich „Desktop“ oder „Button“ ist klar, dass ich damit nicht die anfassbaren Dinge, sondern meinen Computer meine.
  3. Um schneller kommunizieren zu können.
    Akronyme wie „wtf“ und Fachbegriffe wie „disruptive technology“ haben etwas gemeinsam. Sie sparen Zeit gegenüber dem „what the fuck“ oder „Technologie, die die bestehende Art Dinge zu machen relativ schnell verdrängen kann“.
  4. Um ein Fachgespräch zu führen.
    Denn solange der andere weiß, was mit disruptiver Technologie gemeint ist, vereinfacht es den professionellen Austausch enorm.

Ihr seht – Fachwörter und Anglizismen können wirklich hilfreich sein und das Leben im Job einfacher machen.

Auch, wenn es für Außenstehende oft unverständlich oder albern wirkt.

Also bitte verzeiht uns Agenturlern, Beratern und Beamten, wenn wir manchmal über das Ziel hinausschießen. Und wenn es ganz schlimm wird, hilft der dezente Hinweis:

Hey, dein comms style ist so diffizil, das ist nicht der Spin, den du für deine personal brand targeten solltest.

Falk Ebert

Falk Ebert hilft Firmen, die Vorteile der Digitalisierung für ihr business zu nutzen. Neben dem Technologie-Optimismus ist er getrieben von seiner Liebe für die Wissenschaft, das Reisen in neue Länder und das Lernen von neuen Sprachen.