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Noch ein Grund seinen Medienkonsum auf das Internet zu verlagern: Die deutsche Debattenkultur

Falk Ebert  2. März 2015  3 Kommentare  3 Minuten zu lesen  Internet und Social Web

Dank meinem Vermieter muss ich Kabelfernsehen zahlen. Mein Fernseher ist dennoch nicht angeschlossen. Denn von Rundfunk halte ich nichts.

Warum sollte ich schauen, was andere mir vorgeben – und das auch noch zu einem Zeitpunkt, den andere mir vorgeben? Warum zwischen zwanzig Kanälen wählen, wenn ich Millionen von Videos dann bekommen kann, wenn ich sie brauche.

Und noch ein Grund: Deutschland ist medial in manchen Dingen voraus, in manchen aber auch hinterher. Habt ihr mal eine durchschnittliche ZDF-Dokumentation mit einer BBC-Produktion vergleichen?

Noch schlimmer: Unsere Debattenkultur

Talk-Runden und politische Talk-Shows kann man sich sowieso nicht antun. Im ersteren Format werden selten die richtigen Fragen gestellt, in letzterem Format werfen sich alle Beteiligten vorher auswendig gelernte Punchlines an den Kopf. Und alle so: Yeah!

Wer von Rundfunk auf Chromecast umsteigt, kann sich aus allen Ländern zusammenpicken, was ihn persönlich weiter bringt. Und das ist für Debatten der Content aus UK!

Nehmen wir mal zum Beispiel die Veranstaltungen von intelligence squared:

Relevante Themen. Passend formulierte Thesen. Kompetente Redner. Respektvoller Umgang. Das ergibt in der Summe ein konstruktives Programm. Zum Beispiel die zweistündige Debatte zum Thema „the Catholic church is a force for the good“.

Wow! Auf beiden Seiten starke Argumente, stark vorgebracht. In einer deutschen Talkshow habe ich noch nie erlebt, dass ich bei einem Redebeitrag von jemandem, der eine andere Meinung wie ich hat, plötzlich gedacht habe „Moment, da ist was dran!“. Bei den Debatten von intelligence squared habe ich das regelmäßig.

Äpfel und Birnen? Alles eine Frage des Formats? Vergleichen wir doch mal eine Debatte aus Deutschland. Auch im Oxford-Stil, zu einem sehr ähnlichen Thema:

In der britischen Debatte ist die These clever formuliert. Denn sie überspringt das lästige Thema Ontologie der Glaubensinhalte und fragt direkt nach den Auswirkungen einer konkreten Religionsgemeinschaft. In Berlin stolpert schon die erste Rednerin im ersten Satz über das schwammig formulierte Thema.

Und auch wenn das deutsche Panel ein bis zwei gute Redner hatte, die teilweise sogar im Timing waren – einen Stephen Fry und einen Christopher Hitchens gibt es bei uns schlichtweg nicht.

Richtig schlimm wird es aber erst im Verlauf der Berliner Diskussion. Nach Aufregung über aus dem Zusammenhang gerissenen Zitaten wird die Veranstaltung immer unprofessioneller und unkonstruktiver. Aus der Debatte wird eine Talkshow im Britt-Format. Und schließlich zeigt sich, dass Godwin’s Law nicht nur für Online-Debatten gilt: Die Redner werfen sich gegenseitig Nazi-Vergleiche an den Kopf.

Gut, dass wir uns aussuchen können, was wir schauen.
Und woher wir unseren Content beziehen.

Falk Ebert

Falk Ebert hilft Firmen, die Vorteile der Digitalisierung für ihr business zu nutzen. Neben dem Technologie-Optimismus ist er getrieben von seiner Liebe für die Wissenschaft, das Reisen in neue Länder und das Lernen von neuen Sprachen.

  • Cool, finde diese Debatten immer spannend! Allerdings muss ich sagen dass ich Hitchens nicht soo stark fand – er hätte weniger Argumente, intensiver anführen sollen. Die Dame nach ihm war in der Tat fast besser. Allerdings hat Fry sie dann total zerfetzt 😀

    Der Erzbischof war leider RICHTIG schwach – also so, wie es halt bei dieser Debatte üblich ist… den hätten sie sich sparen können, nein sogar sollen.

    Noch besser finde ich diese Debatte. Hier hat Dawkins einen wirklich würdigen Gegner! https://www.youtube.com/watch?v=U0Xn60Zw03A

    • FalkEbert

      Ah geil! Das Video mit Mehdi Hasan hattest du auch mal im Follow Friday hier auf dem Blog, oder?