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Vergessen im Internet – mein Beitrag

Falk Ebert  14. Mai 2012  8 Kommentare  5 Minuten zu lesen  Internet und Social Web

Nichts tun

Schade – mein Beitrag beim Wettbewerb Vergessen im Internet mit dem Titel „Nichts tun“ hat nicht gewonnen. Dabei habe ich mir nicht nur Mühe gegeben, sondern auch noch einen Artikel geschrieben und ein Experiment dazu gestartet. Und ich habe noch nicht mal den gemeinen Seitenhieb von Spiegel Online getwittert.

Dabei würde es noch so viel mehr beim Wettbewerb zu kritisieren geben. Zum Beispiel, dass die Gewinnerbeiträge nicht maschinenlesbar, schwer sharebar und nicht kommentierbar unprominent auf der Website dargestellt werden…

Egal, ich möchte heute mit gutem Beispiel vorangehen und meinen Beitrag hier im Blog veröffentlichen. Alternativ könnt ihr euch auch hier das PDF ziehen.

„Nichts tun“ – Über die Problematik des Vergessens im Internet

In der erstem Kategorie „Bewusstsein schärfen“ geht es vordergründig um eine grundsätzliche Auseinandersetzung mit dem Thema „Vergessen im Internet“. Dazu möchte ich beitragen und folgenden Vorschlag machen:

„Nichts tun“.

Es sollten keine technischen Anwendungen entwickelt oder Aufklärungskampagnen finanziert werden, die sich mit dem Thema „Vergessen im Internet“ beschäftigen. Wir sollten uns eher Gedanken um Speicherung, um semantische Kategorisierung und um Zugänglichkeit von Informationen machen, als ihre Löschung anzustreben. Warum, das möchte ich in fünf Punkten erörtern.

Erstens: Das Internet vergisst.

Auch wenn die Phrase „Das Internet vergisst nicht“ bereits zum geflügelten Wort geworden ist, habe ich persönlich andere Erfahrungen gemacht. Vieles, was ich ins Internet gestellt habe, ist dort – auch mit Hilfe von Archiv-Diensten – nicht mehr auffindbar.

Zu den verschollenen Daten zählen unter anderem zwei Websites, ein Blog und ein komplettes Forum. Ich habe in einem Crowdsourcing-Projekt zur Suche danach aufgerufen, doch bin das „Kopfgeld“ bislang schuldig geblieben.
Wenn in fünf bis zehn Jahren das Soziale Netzwerk StudiVZ geschlossen wird, wird der nächste große Datensatz vergessen sein.

Zweitens: Wir vergessen.

Ein häufiger gedanklicher Fehler in diesem Zusammenhang ist das Gleichsetzen von technischem und gesellschaftlichem Vergessen. Nur, weil etwas in irgendwelchen Archiven, in Caches oder auf Festplatten noch gespeichert ist, bedeutet es nicht, dass wir es nicht vergessen können.
Ist uns als Gesellschaft etwa das Wissen der Millionen Bücher der Library of Congress täglich gegenwärtig? Viele von uns besitzen nicht mal Detailwissen zum am häufigsten verkauften Buch der Welt – der Bibel. Ob das gut oder schlecht ist, kann an anderer Stelle diskutiert werden. Fakt ist: Es gibt keine Informationsüberflutung im digitalen Zeitalter.
Im Umkehrschluss braucht es auch keine cloud-basierten Speichermedien, um etwas im kollektiven Bewusstsein zu erhalten. Das bezeugen Fotos und Geschichten von vor dem Zeitalter des Internets.

Drittens: Adaption.

Um es mit den Worten von Seven of Nine aus Star Trek zu sagen: „We will adapt.“
Dem breiteren Zugang zu Informationen, auch persönlicher Natur, wird nicht unbedingt ein verantwortungsvollerer Umgang damit folgen – sicherlich aber ein weniger aufgeregter. Während vor fünf Jahren ein peinliches Foto ein Einstellungshinderniss war, sehen viele Personaler das heute schon anders. Vom ersten nach 1970 geborenen Bundespräsidenten werden wir eine Menge sub-perfekter Fotos im Internet finden – es wird ihn jedoch kaum sein Amt kosten.
Meine Hoffnung: Eine transparentere Gesellschaft des Vergebens.

Viertens: Es gibt keine post-privacy.

Facebook hin oder her – ein komplett transparentes Zeitalter ohne jegliche Privatsphäre wünscht sich niemand. Auch kein digital native. Auch, wenn der Begriff post-privacy teilweise als Antithese zu veralteten Vorstellungen von Privatsphäre angeführt wird.
Früher: „Privatsphäre bedeutet, keiner weiß etwas von mir.“ Heute: „Privatsphäre bedeutet, ich bestimme selbst, was von mir öffentlich ist.“
Das hat die Jugend von heute, meines Ermessens, bereits besser verinnerlicht, als viele glauben. „Oversharing“ als Phänomen hat in den letzten Jahren stark nachgelassen und die große Mehrheit der Nutzer von Sozialen Netzwerken überlegt sehr gut, welche Inhalte sie teilen. Hier besteht kaum technischer Bedarf für manuelles Vergessen, um große Datenmengen an unüberlegt geteilten Informationen zu vernichten.

Fünftens: Wir haben echte Probleme.

Nichts spricht gegen ein sinnvolles, staatlich gefördertes Projekt, um auf drängende gesellschaftliche Probleme zu antworten. Dass ich das Problem der Speicherung von Daten im Internet jedoch nicht als dringend erachte, habe ich bereits dargelegt.
Folgendes erachte ich als dringend: Unser Staat basiert auf einem Wirtschaftssystem, das systemisch krankt und kurz vor dem Kollaps steht. Umweltprobleme und Hunger nehmen überproportional zur Weltbevölkerung zu. Wir Länder der ersten Welt sind dafür nicht gewappnet:
We live in a society exquisitely dependent on science and technology, in which hardly anyone knows anything about science and technology. (Carl Sagan)
Deshalb möchte ich das Preisgeld einer Schule zum Ausbau der IT-Ausrüstung oder -Lehre spenden, falls ich Sie mit meinen Ausführungen überzeugen oder wenigstens zum Nachdenken bringen konnte.
Lassen wir das Thema „Vergessen im Internet“ vorerst ruhen, bis die Zusammenhänge soziologisch ansatzweise erforscht sind. Kümmern wir uns bis dahin um die dringenderen Probleme dieser Erde.

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Falk Ebert

Falk Ebert

Falk Ebert hilft Firmen, die Vorteile der Digitalisierung für ihr business zu nutzen. Neben dem Technologie-Optimismus ist er getrieben von seiner Liebe für die Wissenschaft, das Reisen in neue Länder und das Lernen von neuen Sprachen.

  • iwanitoo

    Da geh ich auf die Seite des „Bürgerdialogs Energietechnologie“ und es erscheint prominent ein „Technischer Hinweis“! Ich hätte den Flashplayer nicht installiert!!! Hab ich tatsächlich nicht, weil iPad… Wie soll ich denn sowas ernst nehmen können??? Wie soll man???

    • Felix Seibold

      Ja, wie soll man ein so teueres high-tech Gerät ernst nehmen können, wenn es noch nicht einmal flash unterstützt!?^^

      • iwanitoo

        Weißt du was, Felix? Recht hast du!!! Mieses Apple!

  • Hallo Falk,
    danke, dass du deinen Artikel als PDF teilst. Statt dem PDF habe ich mir aber jetzt 2 verschiedene Windows-EXE-Files gezogen. Könntest du mir das PDF mailen oder es über Dropbox als Public Link sharen? 🙂
    Grüße und Danke!
    Kris

  • Heinrich Hyäne

    „Nichts tun“. Damit hat noch keiner eine Wahl gewonnen.