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Harte Usability-Fails im Real Life

Falk Ebert  7. November 2011  5 Kommentare  3 Minuten zu lesen  Internet / Socialweb allgemein

Papierkram im Real Life

Es gibt so Momente, da nervt das Real Life. Diese Momente haben etwas mit fehlender Usability zu tun. Vergleicht man die Bedienbarkeit vieler Dinge im echten Leben mit dem, was sich auf dem Bildschirm abspielt, kann man nur noch den Kopf schütteln.

Diesen Vergleich stellen wir viel zu selten an. Warum? Weil wir schlechte Usability gewohnt sind. Wir schlucken sie, wo sie uns gewöhnlich vorkommt. Doch das muss nicht so sein!

Warum muss beispielsweise eine Waschmaschine so unglaublich schlecht gestaltet sein? Ganz im Ernst, ich wasche meine Wäsche schon lange selbst. Aber Folgendes treibt mich immer noch in den Wahnsinn: Warum zur Hölle, sollte man die Auswahl von nicht mal ordinal skalierten Optionen mit einem Drehrad vornehmen?

Das Ding ist doch kein Radio! Noch geiler sind die Fächer, in die man das Waschpulver und anderes Zeug reinschüttet. Bei vielen  Maschinen sind die mit “|” und “||” beschriftet. Na, vielen Dank. Jetzt weiß ich ganz bestimmt, wo Chemikalie X reinkommt. Ist ja nicht so, dass die Branche zweihundert Jahre Zeit hatte, sich ein Icon dafür auszudenken und das dann auf die Maschine und die Packung aus dem Supermarkt zu drucken.

Vom Badezimmer zurück ins Wohnzimmer. Ähnlich geil auch das ganze TV- und HiFi-Zeug, das viele dort stehen haben. Die User-Interfaces sind ungefähr so einfach zu benutzen wie ein Zauberwürfel. Und genauso bunt. Jeder Sendersuchlauf ein Abenteuer. Besonders hilfreich sind dabei auch immer die Fernbedienungen.

Fernbedienung

Tausend Knöpfe, aber welcher davon mich ein verdammtes Navigationsmenü höher bringt, wird nicht so ganz klar. Und noch was: Habt ihr schon mal die “Appstores” der neueren Fernseher-Generationen gesehen? Nein? Ok, dann lasst es bleiben. Es könnte euer digitalnatives Weltbild für immer zerstören.

Es geht auch anders. Zum Beispiel im Bereich Hauselektronik. Jahrelang haben wir Heizenergie verschwendet, weil die Geräte, die unsere Heizung programmieren können, viel zu umständlich sind. Und zack – kommt nest.

Nein, das ist keine Designstudie. Das ist echt. Warum hat so etwas jahrelang niemand geschafft? Weil die richtigen Leute in der Branche schlichtweg gefehlt haben oder ignoriert wurden. Der Erfinder von nest heißt Tony Fadell und hat vor ein paar Jahren noch für Apple den iPod entwickelt.

Meine größte Hoffnung ist, dass sich eine solche Person irgendwann mal diesem Problem annimmt:

Steuerformular

Unserem Staat und der dazugehörigen Bürokratie. Die größte Geldverbrennungsmaschine, die die Welt je gesehen hat. Niemand hat uns in der Schule beigebracht unser Steuerformular auszufüllen, geschweige denn, eine Selbstständigkeit oder Firmengründung über die Bühne zu bringen. Und nirgendwo kann man es, einfach und sinnvoll erklärt, nachlesen.

Klar, die Gesetze sind alle öffentlich. Aber nur, weil ich den Quellcode einer Software habe, macht es noch lange keinen Spaß, sie zu benutzen. Besonders, wenn sie so verdammt nutzerunfreundlich ist, wie Deutschland 1.0.

Wo bleibt der Steve Jobs des öffentlichen Rechts?

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Falk Ebert

Falk Ebert

Falk Ebert ist Senior Strategy Consultant bei Scholz & Friends one:zero. Er hilft Unternehmen die Chancen der Digitalisierung optimal für ihr Business zu nutzen – von kleinen NGOs bis hin zu internationalen Marken wie Siemens, Opel und Vodafone.

  • http://twitter.com/thassilovogt Thassilo Vogt (@thassilovogt)

    Schöner Beitrag. Ganzheitliches Produktdesign und Nutzerorientierung wird leider in vielen Bereichen immer noch vernachlässigt. Für mich gehört da immer auch die Verpackung, die Handbücher (bzw. das Ziel, darauf verzichten zu können) und die Service-Leistungen nach dem Kauf, etc. dazu. Doch klar: Zunächst muss das Produkt an sich nutzerfreundlich sein.

    Zu deinem Heizungsbeispiel:
    Als vor wenigen Wochen die Heizperiode begann, habe ich erst mal mit einem Edding große Zahlen auf meinen Thermostat gemalt, der direkt über dem Boden installiert ist, sodass ich diesen ohne Verrenkungen sowieso nicht bedienen kann – geschweige denn intuitiv erkenne, wie dieser geregelt ist.

    In einer Mietwohnung bleiben mir wohltuende Neuerungen wie das nest-System vorest auch verwehrt.

    Weil ich es erst kürzlich entdeckt habe, möchte ich darauf hinweisen, dass auch deutsche Hersteller im Bereich Haustechnik ähnliche Innovationen bereit halten (http://www.buderus.de/Online_Anwendungen/Apps/EasyControl-3893338.html)

  • http://www.falkebert.de Falk Ebert

    Hi Thassilo,
    ja, Buderus ist da ein gutes Beispiel. Auch wenn die EasyControl-App jetzt nicht unbedingt rocket science ist. Zumindest keine acht Euro wert. :)
    Aber weil du von Handbüchern sprichst (darauf wollte ich im Artikel ursprünglich auch noch eingehen): Auch hier geht nest mit gutem Beispiel voran: Mit einem YT-Video zur Installation.

    Warum machen nicht mehr Firmen so etwas? Gerade im b2b-Bereich sind solche Videos ohnehin vorhanden und das Hosting auf YouTube kostet mit einem Basic Channel keinen Cent.
    Alles in allem noch viel zu tun, aber dafür ein Grund mehr, sich auf die Zukunft zu freuen!
    Grüße!

  • Pingback: Social TV Megafail – deshalb greifen wir lieber zum Second Screen « Gefahrgut

  • Maikel

    Immerhin gibt es bei Waschmaschinen eine historischen Hintergrund dafür, die ursprünglich darin integrierte mechanische Regelung des Ablaufs.
    Außerdem entsprechen die Drehpositionen zum Teil immer noch der Waschintensität (Kochwäsche/Pflegeleicht/Wolle mit abnehmender Temperatur) und dem Ablauf (einzelnd Schleudern weiter hinten).
    Zusätzlich macht der Drehknopf auch für meine (Groß)Mutter deutlich sichtbar, daß nur eine der angegebenen Einstellungen möglich ist, im Sinne von Radio-Buttons.

    Damit erscheint mir der Drehknopf an Waschmaschinen eher angemessen als die EDV-mäßige Bedienung mit Dreh-Drück-Stellern und separatem Display in modernen Autos. (iDrive&Co). (Siehe dazu auch meine Anmerkungen im usabilityblog.de, durch den ich auf diesen Beitrag aufmerksam geworden bin.)

    Sicherlich sind auch für Waschmaschinen “modernere” Interfaces denkbar. Als abschreckendes Bsp. sehe ich aber z.B. Mikrowellengeräte.
    Was ich bei mechanischer Bedienung mit einem Dreh einstelle (die Wattzahl) erfordert bei der “modernen” Variante ein vielfaches Drücken eines Knopfes. Und das Feedback dazu, die eingestellte Wattzahl, verschwindet aus dem mageren Display, wenn ich die Zeitdauer einstelle.

    Moderne Techniken bieten sicherlich fantastische Möglichkeiten für bessere Interfaces. Man sollte sich aber, vor deren Gestaltung, vorurteilsfrei ansehen, was klassische Bedienelemente für positive Eigenschaften haben, insbesondere im Bezug auf das unmittelbare und dauerhafte Feedback, und diese Positiva als Mindestanforderungen für “moderne” Interfaces ansetzen.

    • http://www.falkebert.de Falk Ebert

      Vielen Dank für deinen Kommentar!

      Auch für mich ist das “modernere” Bedienkonzept nicht das bessere.

      Hier noch ein Beispiel: Meine Eltern haben jetzt einen Herd mit Touch-Bedienung statt Drehknöpfen. Die Bedienung hat also keine Haptik und reagiert dazu leicht verzögert. Eine Herdplatte auf die mittlere Temperatur einzustellen dauert damit 08 Sekunden, gegenüber den 02 Sekunden, die ein Drehknopf brauchen würde. Außerdem fällt die Bedienung regelmäßig aus, wenn das Bedienfeld (oben) nass wird. Grauenvoll.

      Die Fernbedienung, Spülmaschine oder Steuererklärung kommen meiner Meinung nach trotzdem nicht durch die “modern ist nicht gleich besser”-Prüfung. ;-)